Britische Serie Lüstern im Supermarkt

Mittelaltes Ehepaar: Die Liebe von Henry (Vincent Franklin, l.) und Lance (Cyril Nri) ist gefährlich abgekühlt.

(Foto: WDR)

Mit "Cucumber" knüpft Russell T Davies inhaltlich an seine Erfindung "Queer as Folk" an. Seine schwulen Helden sind mit ihm gealtert.

Von Benedikt Frank

Wenn Henry Best durch den Supermarkt spaziert, interessieren ihn genau drei Dinge: Tofu, Bananen und Gurken. Die geschälte Banane verführt ihn nur zu einem kurzen Blick über die Schulter. Doch als das makellose Antlitz der Gurke, muskulös mit braunem Teint, vom Engelschor begleitet in Zeitlupe um die Ecke schwebt, stockt Henry (Vincent Franklin) der Atem. Dann aber sieht er sich im Spiegel, den glatzköpfigen Versicherungsverkäufer mittleren Alters - und schlagartig ist alles wieder Tofu.

Nachdem er zuletzt an der Science-Fiction-Produktion Doctor Who beteiligt war, versucht Russell T Davies mit Cucumber an seine Erfindung Queer as Folk anzuknüpfen. Die Serie des Briten über den Alltag homosexueller Männer und Frauen wurde in ihrer US-Neuauflage zum Eisbrecher in der zur Jahrtausendwende sehr tabubehafteten TV-Landschaft. Queer as Folk machte Themen - vom Adoptionsrecht über HIV bis zu schwulen Priestern - öffentlich diskutierbar und zeigte, was bis dahin niemand gewagt hatte: die erste gespielte Sexszene zwischen zwei Männern.

In der neuen achtteiligen Channel-4-Produktion Cucumber, also Gurke, geht es nun um etwas ältere Herrschaften.

Der Titel bezieht sich auf eine Studie über das männliche Genital. Zu Davies' Amüsement fand diese angeblich kulinarische Vergleiche für den Härtegrad der Erektion, nämlich Tofu, Banane (mit und ohne Schale) und eben Gurke.

Diese phallische Dreifaltigkeit wollte er auch auf sein Werk übertragen: Die Schwesterserie Banana begleitet jugendliche Nebenfiguren aus Cucumber. Und in der Webdoku Tofu sprechen Leute vor der Kamera über Sex. Channel 4 zeigte die Sendungen parallel auf unterschiedlichen Kanälen. Beim WDR, der Cucumber seit dem Wochenende ins deutsche Fernsehen bringt, ist der tatsächlich auch schlaffste Teil Tofu gar nicht zu sehen. Und Banana soll erst im Herbst auf Eins Festival laufen. So entgehen dem Publikum vorerst einige Witze, die sich nur dem erschließen, der beide Produktionen kennt.

Seit dem Ende von Queer as Folk sind etwa zehn Jahre vergangen. Schwule Sexszenen zeigt heute etwa auch eine Fantasy-Serie wie Game of Thrones andauernd. Und so kratzt Cucumber an viel kleineren Tabus. Denn Henry läuft zwar lüstern durch den Supermarkt, ist zum Unglück seines langjährigen Partners Lance (Cyril Nri) aber weder "top" noch "bottom", wie das im schwulen Jargon genannt wird, sondern "side" - er mag also keinen Analsex.

Als die Nachbarin Henry auf der Straße anspricht, dass er doch bitte beim Onanieren das Fenster besser verhängen möge, lacht Lance noch. Die Spannungen zwischen ihnen entladen sich furios, als ein Dritter ins Spiel kommt. Nicht nur Davies' explizit schwuler Blick macht Cucumber zu einem besonderen Fernseh-Früchtchen. Sein ausgezeichneter Sinn für Humor und Rhythmus lässt die Szenen immer wieder zu herrlich chaotischen Höhepunkten eskalieren.

Cucumber, WDR, samstags, 23.05 Uhr.