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Britische Printmedien:"Es wird noch härter"

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie treffen die britischen Printmedien mit großer Wucht. Experten gehen davon aus, dass viele Nachrichtenmedien die Krise nicht überstehen werden. Schätzungen gehen allein von einem Werbeeinnahmenverlust von einer halben Millarde Pfund aus.

Von Alexander Mühlauer

Rasmus Kleis Nielsen ist keiner, der die Lage schönredet. Zwei Tage nachdem die britische Regierung den Corona-Lockdown im März verhängt hatte, veröffentlichte er einen Essay, in dem er der Frage nachging, wie die Pandemie die Medienlandschaft verändern wird. Seine Antwort: "Um brutal ehrlich zu sein: Ich denke, dass viele Nachrichtenmedien es nicht schaffen werden." Nun, fünf Monate später, hat sich seine Einschätzung nicht geändert. Nielsen, Direktor des Reuters Institute for the Study of Journalism und Professor für politische Kommunikation an der Universität Oxford, bleibt dabei: "Für viele britische Zeitungsverlage ist es jetzt schon hart. Und es wird noch härter."

Im Vereinigten Königreich hat ein wahrhafter Kahlschlag begonnen. Das Branchenmagazin Press Gazette hat eine Liste erstellt, die seit Beginn der Corona-Krise immer länger wird: Sie zeigt die bislang angekündigten Stellenabbaupläne der Zeitungsverlage. Ein kleiner Ausschnitt: Beim linksliberalen Guardian sollen 180 Jobs wegfallen, 70 davon in der Redaktion; die Gratiszeitung Evening Standard will 69 redaktionelle Stellen streichen; und bei der größten britischen Zeitungsgruppe Reach, zu der die Boulevardblätter Daily Mirror und Daily Express gehören, sollen 550 Mitarbeiter das Haus verlassen.

Andere Verlage haben zwar noch keine Zahlen genannt, aber die Belegschaft bereits auf harte Einschnitte vorbereitet. So schrieb die Geschäftsführerin von News UK, Rebekah Brooks, in einer E-Mail an die Mitarbeiter, dass schwierige Entscheidungen getroffen werden müssten - und dass diese auch "den Abschied von einigen geschätzten und talentierten Kollegen" bedeuten würden. News UK gibt das Tabloid Sun und die konservative Times heraus.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie mussten Medien weltweit eine zwiespältige Erfahrung machen. Gerade am Anfang der Krise war das Informationsbedürfnis so hoch wie selten zuvor. Die Zugriffszahlen auf Online-Angebote stiegen stark, viele Leser entschieden sich für ein Digital-Abo oder griffen zur gedruckten Zeitung. Andererseits brachen die Werbeeinnahmen massiv ein - so sehr, dass viele Verlagshäuser trotz gestiegener Leserzahlen in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind.

Journalismus-Forscher Nielsen macht folgende Rechnung auf: "Wenn die britischen Zeitungen 30 Prozent ihrer Werbeeinnahmen verlieren, sprechen wir von etwa einer halben Milliarde Pfund." Wie hoch die Verluste wirklich ausfallen, hängt nun vor allem von der gesamtwirtschaftlichen Lage ab. Die Prognosen verheißen nichts Gutes: Für dieses Jahr rechnet die Bank of England mit einem Einbruch der britischen Wirtschaftsleistung um 14 Prozent. Zum Vergleich: Die Bundesregierung erwartet für Deutschland ein Minus von 6,3 Prozent. Wie stark die Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt durchschlägt, dürfte sich Ende Oktober zeigen - dann soll das britische Modell der Kurzarbeit auslaufen. Dem Magazin Press Gazette zufolge befinden sich circa 2000 Angestellte in der Medienbranche im Zwangsurlaub. Viele bangen um ihren Arbeitsplatz.

Beim Guardian herrscht bereits Klarheit. Chefredakteurin Katharine Viner und Geschäftsführerin Annette Thomas erklärten, dass man mit "unhaltbaren Verlusten" zu rechnen habe, wenn man nicht "entschiedene Maßnahmen" ergreife, um die Kosten zu senken. Trotz des finanziellen Drucks will der Verlag keine Bezahlschranke einführen. Das Lesen von Texten auf der Guardian-Website soll kostenlos bleiben. Nutzer werden nur dazu aufgefordert, einen freiwilligen Beitrag zu leisten, um den Journalismus der Zeitung finanziell zu unterstützen.

Im Geschäftsjahr 2019/20, das im März endete, lagen die Einnahmen der Guardian Media Group bei gut 223 Millionen Pfund (etwa 249 Millionen Euro). Dem Verlag zufolge konnten die finanziellen Beiträge von Lesern die Verluste bei den Werbeeinnahmen ausgleichen. Wegen Corona dürfte das nicht mehr gelingen. Das Unternehmen rechnet im laufenden Geschäftsjahr mit einem Einnahmenverlust von 25 Millionen Pfund (knapp 28 Millionen Euro).

François Nel, Journalismus-Forscher an der University of Central Lancashire, geht davon aus, dass sich vor allem jene Zeitungen in der Krise behaupten können, die es schaffen, die Anzahl digitaler Abonnements zu steigern. So hätten etwa die Times und die Financial Times bereits in den vergangenen zehn Jahren einen soliden Abo-Stamm aufgebaut. Viele Regionalzeitungen bieten hingegen bis heute keine digitalen Ausgaben an. Doch auch das ändert sich. Erst kürzlich kündigte etwa die Yorkshire Post an, mit Digital-Abos zu starten. Für die Blätter im Vereinigten Königreich ist das ein Paradigmenwechsel. "Britische Zeitungen werden traditionell am Kiosk verkauft, nicht über Abonnements wie in Deutschland", sagt Nel. Und in der Corona-Krise machte sich dies noch stärker bemerkbar: Zum Newsstand ging kaum noch jemand - man sollte ja zu Hause bleiben.

Wie gut oder schlecht sich Zeitungen im Kampf um die Lesergunst schlagen, hängt auch davon ab, inwieweit die Menschen ihnen vertrauen. Bei einer Umfrage des Reuters Institute gab die absolute Mehrheit der Befragten an, dass sie Medien in der Pandemie als hilfreich empfinden. Dies erklärt auch die hohen Zugriffszahlen auf Angebote zu Beginn der Corona-Krise. Mittlerweile hat sich das aber laut Nielsen wieder abgeschwächt. Hinzu kommt: Der Anteil derjenigen Befragten, die den Konsum von Nachrichten gezielt vermeiden, liegt selbst nach dem Lockdown bei 22 Prozent. Die meisten nennen dafür einen klaren Grund: "Es hat einen schlechten Einfluss auf meine Stimmungslage." Oder wie Nielsen sagt: "Viele haben einfach die Nase voll, vom Coronavirus zu hören und zu lesen."

© SZ/hy
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