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Öffentlicher Rundfunk in Großbritannien:Flagge zeigen!

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Der Union Jack, die Flagge des Vereinigten Königreichs, ist in Großbritannien ein patriotisches Symbol - nicht nur in der Standardgröße für Regierungsinterviews.

(Foto: Frank Sorge/imago)

Der Dauerstreit zwischen BBC und den Tories hat ein neues Kampfobjekt gefunden: den Union Jack.

Von Alexander Mühlauer

Für manche Politiker gehört es sich einfach, bei einem Fernsehinterview darauf zu achten, dass sie nicht nur selbst im Bild sind, sondern auch die Flagge ihres Landes. Doch der Union Jack, der neulich hinter dem britischen Minister Robert Jenrick zu sehen war, kam dem Moderator der Sendung BBC Breakfast etwas ungewöhnlich vor. Am Ende des Gesprächs bedankte sich Charlie Stayt bei dem Minister und sagte: "Ich glaube, Ihre Flagge entspricht nicht den Standardmaßen für ein Regierungsinterview"; sie sei "ein bisschen klein". Im Hintergrund konnte man das Lachen von Stayts Co-Moderatorin Naga Munchetty hören. "Nur so ein Gedanke", sagte Stayt und lächelte.

Den beiden BBC-Moderatoren dürfte bewusst gewesen sein, dass sie damit eine Welle der Empörung auslösen würden. So likte etwa Munchetty einen Tweet, in dem es hieß, dass sie und Stayts sich damit "wieder in Schwierigkeiten bringen". So war es dann auch. In den daueraufgeregten sozialen Netzwerken brach sogleich ein Flaggenstreit aus, denn was die einen als sanften Spott empfinden, ist für die anderen eine bodenlose Frechheit.

Keinen einzigen Union Jack im Jahresbericht! Solche Dinge werden jetzt ernsthaft diskutiert

Es hagelte jedenfalls allerlei Beschwerden bei der BBC. Die Rundfunkanstalt teilte daraufhin mit, dass die beiden Moderatoren "an ihre Verantwortung" erinnert worden seien, einschließlich der BBC-Richtlinien für Unparteilichkeit und soziale Medien. Stayts Bemerkung sei "unbedacht" gefallen, es sei damit keine Beleidigung oder Respektlosigkeit beabsichtigt gewesen. Munchetty entschuldigte sich dafür, "beleidigende" Tweets gelikt zu haben.

Wer dachte, die Angelegenheit habe sich damit erledigt, kennt die Tories nicht. Zumindest nicht jenen großen Teil in der Konservativen Partei, der die BBC ohnehin für zu teuer, zu links und zu unpatriotisch hält. Für all jene, die das so sehen, ist der Union Jack ein Symbol für ihren Kampf gegen die BBC.

Wie dieser Feldzug geführt wird, war in dieser Woche bei einer virtuellen Parlamentsanhörung mit BBC-Chef Tim Davie zu beobachten. Der Tory-Abgeordnete James Wild versuchte die Gelegenheit zu nutzen, um Davie vorzuführen. Er fragte: "Wissen Sie, wie viele Unionsflaggen in Ihrem 268 Seiten starken Jahresbericht im vergangenen Jahr in einer der Grafiken auf diesen Hochglanzseiten abgebildet waren?" Davie gab zu, dass er keine Ahnung habe. Die richtige Antworte wäre gewesen: keine einzige. Ob er das überraschend finde, fragte Wild. Nein, erklärte Davie, er halte das nur für "eine seltsame Messgröße". Und fügte hinzu, dass auf dem Broadcasting House, dem Hauptsitz der BBC, stolz ein Union Jack wehe.

Es ging dann noch ein wenig weiter. Am Ende stellte Wild einen Clip des Zwiegesprächs auf Twitter. Die Reaktionen waren in etwa so gespalten wie nach der BBC Breakfast-Sendung. Die einen beschimpften den Tory als strunzdumm, die anderen feierten ihn.

Und wie es in der Konservativen Partei nun mal ist, dauerte es nicht lange, dass auch der Premierminister auf den Flaggenstreit angesprochen wurde. Boris Johnson erwiderte: "Wir müssen feststellen, dass es im BBC-Newsroom ein großes Maß an instinktiver großstädtischer Voreingenommenheit gibt."

Die Regierung reagierte schließlich auf ihre Art. Am Mittwoch kündigte sie an, dass künftig alle Regierungsgebäude mit einem Union Jack beflaggt werden. Auch der Briefing-Raum, wo künftig Pressekonferenzen im White-House-Stil abgehalten werden sollen, ist einsatzbereit. Am Montag soll Johnson dort seinen ersten Auftritt haben. Hinter ihm wird man dann nicht weniger als vier Union Jacks sehen. Sehr große vermutlich.

© SZ/tyc
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