Zukunft der "Bravo":Verschwende deine Jugendzeitschrift

Lesezeit: 4 min

'Bravo' - Titelbilder

Die "Bravo" im Wandel der Zeit: Titelseiten von 1956 bis 2014.

(Foto: Bravo/dpa)

Die ehemalige Teenager-Bibel "Bravo" soll künftig von einem externen Redaktionsbüro produziert werden. Ein Zeichen für eine Neuerfindung oder eher ein sanftes Ableben?

Von Quentin Lichtblau

Dass Medien sich heutzutage nicht auf einem guten alten Erlösmodell oder Verbreitungsweg ausruhen können, sondern sich ständig neuerfinden müssen, dürfte mittlerweile im letzten Winkel der Redaktionswelt angekommen sein. Auch dass der Journalismus und dessen ehemals alles überflügelnde Reichweiten mittlerweile in potenzieller Aufmerksamkeitskonkurrenz zu jedem Menschen mit einem Smartphone stehen, der sich über soziale Medien in Kürze ein Millionenpublikum aufbauen kann.

Doch während andere Medien in ihrer Anpassung an neue Welten zumindest immer ein bisschen Zeit haben, muss sich eine Zeitschrift ganz besonders beeilen: die Bravo. Wenn man so will, ist sie die letzte relevante deutsche Teenager-Zeitschrift - und muss sich mit einem Zielpublikum auseinandersetzen, das mit dem eigenen Social-Media-Kanal lieber gleich selbst ein Medium betreibt, bevor es auch nur im Entferntesten darauf kommt, irgendwelche Papier-Abos abzuschließen. Natürlich zog die Bravo-Redaktion entsprechend nach, bewegte sich digital zu ihren Leserinnen und Lesern auf Facebook oder Instagram. Aber sobald man sich an die Bedürfnisse einer Lesergeneration angepasst hatte, war die der Bravo schon wieder entwachsen - und die nachrückende Zielgruppe kannte Facebook nur noch von ihren Eltern.

Die Zukunft des Teams in München ist noch unklar

In der vergangenen Woche gab der Bauer-Verlag bekannt, dass er die Produktion der Bravo künftig auslagern will: Ab dem Heft 2/2021 ist allein das Kölner Redaktionsbüro Wipperfürth für die Printausgabe verantwortlich. Die Leiterin der Redaktion in München, Yvonne Huckenholz, soll sich in Hamburg zusammen mit anderen Mitarbeitern der Bauer Media Group vollständig auf den digitalen Bereich, Bewegtbild und soziale Medien konzentrieren - also darauf, mit den jungen Menschen und ihren Medienformen besser Schritt zu halten. Was mit den 20 bisherigen Bravo-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern in München passiert, ist noch unklar. Laut Bravo-Verlagsleiter Karsten Binke suche man intensiv für sie andere Stellen innerhalb der Bauer Media Group, auch wenn man natürlich nicht garantieren könne, "dass das in allen Fällen gelingen" werde.

Auflagentechnisch geht es mit der Print-Bravo seit Jahren bergab. 2015 lag die Auflage noch bei mehr als 173 000, im vergangenen Quartal betrug sie noch 90 000. Die Veröffentlichungsfrequenz hat der Verlag zunehmend gedrosselt: Erschien die Bravo früher noch wöchentlich, ging man 2015 zu einem Zwei-Wochen-Rhythmus über, seit 2020 erscheint das Heft nur noch einmal im Monat.

Der Ruf der Zeitschrift hat zuletzt gelitten, besonders die "Bravo Girl" wirkt wie aus der Zeit gefallen

Warum nun die Entscheidung, die Printzeitschrift "outzusourcen", wie Binke es nennt? Man habe in der Münchner Redaktion in den vergangenen Jahren zu viel Energie für die Produktion der Zeitschrift investiert, erklärt er am Telefon, obwohl der Printmarkt rückläufig ist. Die verringerte Frequenz habe zwar rein rechnerisch die relative Menge der verkauften Exemplare erhöht, dennoch müsse man anerkennen, dass sich das Mediennutzungsverhalten junger Menschen in den vergangenen Jahren fundamental verändert habe. Das gedruckte Heft solle künftig ein "Premium-Produkt" sein: "Das Magazin ist etwas Besonderes, das ich mir leiste, wofür ich bereit bin, Geld zu bezahlen", sagt Binke. Das Redaktionsbüro Wipperfürth ist schon seit Längerem für den Bravo-Ableger Bravo Sport zuständig, man sei mit deren Arbeit sehr zufrieden. Während man allerdings im Bewegtbild-, Social- und Digitalbereich mit voller Wucht in die Zukunft brettern will, soll sich das Printheft gar nicht großartig verändern. "Die Idee ist, im ersten Schritt den Status quo zu übertragen. Sie werden das Heft qualitativ und inhaltlich so fortführen, wie es momentan gemacht wird", sagt Binke bezüglich der Aufgaben des Redaktionsbüros Wipperfürth.

Fraglich ist dabei allerdings durchaus, ob die Bravo als ehemaliges Quasi-Zentralorgan von Teenagern auch inhaltlich heute noch auf der Höhe der Zeit ist. In den vergangenen Jahren hatte der Ruf der Bravo gelitten, besonders der des speziell auf weibliche Teenager abzielenden Ablegers Bravo Girl, der künftig ebenfalls vom Redaktionsbüro Wipperfürth produziert werden soll.

In einer Welt, in der junge Menschen von politischen Themen längst nicht mehr angeödet sind, sondern sich vielmehr aktiv gegen Sexismus oder Diskriminierung engagieren, wirkte das Heft oft wie aus der Zeit gefallen, etwa mit Tipps und Tricks, wie devote Mädchen süße Boys für sich begeistern können ("Guck Jungs immer leicht von unten an, das wirkt am süßesten auf Typen"). Aus dem alten Interessen-Dreieck aus Beauty, Mode und Flirttipps sowie dem entsprechend eng gesteckten Körperideal hat sich die Online-Konkurrenz auf den Plattformen Instagram und Tiktok mindestens teilweise emanzipiert. Klar, auch dort gibt es Influencerinnen, die mit irgendeinem Shampoo in der Hand am Pool posieren, wenige Klicks weiter finden sich dort aber Teenager, die ihren Followern Aquarell-Techniken, das Electoral College oder den Kolonialismus erklären. Mit der Teen Vogue hat sich in den vergangenen Jahren zumindest international eine Zeitschrift in diese weniger altbackene Richtung neu erfunden. Und auch wenn man die aktuelle Ausgabe der Bravo durchblättert, finden sich zumindest in Teilen neue Ansätze: Zwei Seiten erklären die US-Wahl, es gibt ein doppelseitiges Feature über "Gender-Rules" ("wie man jeden richtig anredet und warum das wichtig ist"), eine Anleitung zum Erkennen von Fake-Accounts in sozialen Medien und ein Porträt über die Rapperin Megan Thee Stallion mit dem Titel "Girl Boss".

Die ´Bravo" wird 60

Früher gab's den "Knigge für Verliebte", heute "Gender-Rules".

(Foto: picture alliance / dpa)

Binke sieht im Heft keine inhaltlichen Schwächen, so habe man sich in den vergangenen Ausgaben mit aktuellen Themen wie dem neuen Feminismus oder der US-amerikanischen Protestbewegung "Black Lives Matter" auseinandergesetzt. Und auch wenn Fred Wipperfürth, der Leiter des gleichnamigen Redaktionsbüros, selbst vielleicht nicht mehr der Jüngste ist: Er werde ein junges Team zusammenstellen, das ein Gefühl für die Generation Z und deren Bedürfnisse habe, sagt Binke. Es gehe nun darum, die neuen Verbreitungswege für diese Inhalte weiter zu erschließen, effizienter zu werden.

Ob das nicht am Ende doch auf Kosten der Qualität des Heftes geht, wird man ab dem übernächsten Heft wissen. Denn irgendwie klingt "Outsourcing" hier ja doch eher nach einer Verlegung der altehrwürdigen Bravo ins Hospiz, zum langsamen, aber sicheren Ableben? Das will Binke nicht gelten lassen: "Wenn wir nicht an die Bravo glauben würden, dann hätten wir sie längst eingestellt."

Zur SZ-Startseite
Generation Z vs. Millennials

SZ PlusJugendstreit
:Generation Z. vs. Millennials

Es tobt ein neuer Generationenkonflikt: Die ganz Jungen werfen den nur wenig Älteren vor, sie seien unpolitische und egozentrische Selbstoptimierer. Was ist da los?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB