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BR-Doku:Provinziella

BR - Neue Frauen hat das Land

Für ihren Film hat Autorin Julia Benkert "Bitches & Elfen" getroffen.

(Foto: BR)

Die Autorin Julia Benkert porträtiert in ihrem staunenswerten 45-Minüter Künstlerinnen, manche nennen sich auch "Utopistinnen", die mit ihren Projekten fern der Metropolen das Kitschidyll herausfordern: "Neue Frauen hat das Land".

"Wir sind Künstlerinnen", sagt die eine Frau. "Wir sind Utopistinnen", sagt eine andere Frau. Und übrigens sind sie auch "Provokateurinnen", "Jodlerinnen" und sogar "Dirndlinnen" - womit man auch schon bei den Vaginas wäre. Autorin Julia Benkert porträtiert in ihrem staunenswerten 45-minütigen Fernsehbeitrag unter anderem auch das bemerkenswert weibliche Gesangstrio "Vaginas im Dirndl". Die drei professionellen Musikerinnen, denn das sind die Frauen ja auch, abgesehen vom jeweiligen Dasein als Vaginas und Dirndlinnen, tingeln durch das Alpenland und betreiben mit Hilfe der Volksmusik musikalisch überzeugend "Aufklärung für Erwachsene". Weshalb sie auch im Dirndl gern von batterieschwachen Dildos oder vom Elend der Schamhaarrasur singen.

Am schönsten ist übrigens die Szene, in der die Vaginas in Bad Leonfelden auf alteingesessene und also krachledern männliche Gstanzlsänger treffen. Es kommt zum Spottgesang-Battle, den die Damen ungefähr 13:1 für sich entscheiden. Musikalisch sind die Vaginas den vaginalosen Männern, die als "Bullen" beschrieben werden, sich aber eher kälbern anhören, jedenfalls deutlich überlegen.

Allerdings ist das auch genau die Stelle in der Porträt-Doku, an der man allmählich Mitleid mit dem männlichen Geschlecht bekommt: Sollte das Land nicht auch neue Männer verdienen? Insofern passt die Sendung eigentümlich gut zum halbklugen Hashtag "Frauenland", den sich die Spiegel-Redaktion jüngst ausgedacht hat. Unter dem Signum geht es ebenfalls nur um Frauen-Themen. Ob man den Frauen mit einem solchen Logo einen Gefallen tut, ist fraglich: Je modischer, medial aufgeregter und angesagter ein Thema daherwalzt, desto eher kann man es auch marginalisieren. Als Trend nämlich, der etwas anderes ist als das, was der Sache eher dienlich wäre: etwas Relevantes bis Existenzielles. Vor so einem Trendproblem in der Ökonomie der Aufmerksamkeit stehen auch die Bitches und Elfen, die den Film bevölkern. Es sind aber weder Schlampen noch Fabelwesen, sondern Autorinnen, Musikerinnen oder Künstlerinnen, die das sonst für die Kultur angeblich vorgesehene Habitat der Urbanität verlassen, um auf dem Land und weitab der Metropolen das Kitschidyll mit Hilfe der Künste herauszufordern. Dass diese Form der Landnahme unbedingt weiblich sein muss: Man begreift es nicht. Abgesehen davon wäre auch einzuwenden, dass die Kunst in der Kunstgeschichte nie eine rein städtische Angelegenheit war. Die Idee der Künstlerkolonie ist so alt wie genderunabhängig.

Dennoch folgt man dann dem Film gerne. Denn er lässt seine Protagonistinnen sprechen, so behutsam, selbstironisch und selbstzweifelnd, dass man ihnen wie von selbst zuhört. Wenn dann das Taxi in einer antiurbanen Wüstenei steht, die man mit "Out of Rosenheim" gar nicht wüst genug wüstisieren kann, dann wird der Satz "Wir glauben, dass wir die Provinz verändern" auch mit dem Lachen der Unsicherheit unterlegt. Ob sich die Provinz von den Künstlerinnen wirklich transformieren lässt? Das Vorhaben bleibt zweifelhaft. Und doch ist ein weiblich betriebenes und kunstsinnig kreatives Comeback des Landes genau das, was unsere Zeit braucht. Nicht als Trend. Als Existenzform und Möglichkeitsraum aber schon.

Bitches & Elfen - Neue Frauen hat das Land, BR, 22.30 Uhr.