Süddeutsche Zeitung

Boulevardpresse in Berlin:Töten für Rita

Seit sich Stars und Sternchen selbst vermarkten, wird die Arbeit von Klatschreportern und Promi-Fotografen immer absurder. Höhepunkt: die Bambi-Verleihung.

"Hallo Hintergrund, mach mal den Teppich frei!", brüllen die Fotografen. Mit Hintergrund sind die Menschen gemeint, die hinter den Stars und Sternchen über den roten Teppich am Potsdamer Platz zur Bambi-Verleihung flanieren. Sie haben guten Grund, dort zu sein, denn sie sind eingeladen. Ob nun als Gäste, Promi-Mitarbeiter oder Anverwandte der Prominenz. Doch in den Augen der Red-Carpet-Fotografen sind sie Fliegendreck. Sie stören den freien Blick auf den Star - und versperren im Zweifel die Sicht auf die Sponsorenwand.

"Halloooo! Geh weg, Mann!" brüllt eine Fotografin wieder, um freien Blick auf das Model im lila Kleid zu haben. Leider handelt es sich bei dem Mann um den Vater von Heidi Klum, und der ist nicht so leicht zu vertreiben. Als der Fotografin jemand sagt, wer der Mann ist, soll er doch mit aufs Bild.

Judith Rakers oder Frauke Ludowig? Kann doch kein Mensch unterscheiden

Das ist eines der Probleme hier: Die Fotografen am Rande des roten Teppichs kennen die Protagonisten, die sie abzuschießen haben, kaum. Ein einziges Rätselraten, auch auf Seiten so mancher Society-Reporterin. Judith Rakers wird mit Frauke Ludowig verwechselt - was man auch erst mal schaffen muss - und Siegfried Rauch mit Peer Augustinski. Weil die Fotografen um ihr schlechtes Namensgedächtnis wissen, rufen sie lieber "Hallo!", wenn jemand ihnen Unbekanntes vorbeiläuft. Das führt dazu, dass die wirklich prominenten Schauspieler, die nicht mehr auf jedes Bild angewiesen sind, schnell vorbeilaufen.

Das wiederum führt zu absurden Szenen am Rande des roten Teppichs. Gerade noch brüllen die Fotografen einen Mann nieder, der vermeintlich im Bild steht: "Hau ab, du blöde Sau!". Kaum nennt der Nebenmann aber den Namen, und der ist prominent, wird in Sekundenschnelle umgeswitcht. Die Lautstärke ist dieselbe, aber plötzlich heißt es hinter der Absperrung: "Hier, hier! Nach links bitte, Özil!" Mandy Capristo ist tatsächlich mit ihrem Exfreund, dem Fußballnationalspieler, aufgetaucht. Kann ja nun wirklich keiner ahnen.

Dann kommen noch Rita Ora und Hilary Swank als einzige internationale Stars und es gibt kein Halten mehr. Zwei Fotografinnen wollen den ständig vor ihnen herumturnenden Kameramann "töten", wenn er nicht bald zur Seite geht, und nicht mal Til Schweiger mit seiner neuen Flamme interessiert hier noch jemanden in der Aufregung. Das ist jetzt nun wirklich Hollywood!

Irgendetwas scheint da aus dem Ruder zu laufen. Promi-Fotografen tauchen oft im Rudel und in einer Lautstärke und Aggressivität auf, die eine harte Branche vermuten lassen. Auch mit Society-Reportern will man im Zweifel nicht tauschen. Aber in Berlin ist das noch mal eine Spur spezieller als anderswo.

Ausrastende Fotografen, lügende Schein-Presse

Bei der Deutschlandpremiere von "Fifty Shades of Grey" wurde das besonders deutlich. Da reisten ein paar vielversprechende Jungschauspieler aus Hollywood zum meisterwarteten Film des Jahres an, Fans aus ganz Europa nächtigten vor dem Kino, Mädchen kreischten wie irre - und wer fläzte breit und lärmend mitten auf den roten Teppich, schoss die Gäste ab und beleidigte die Umstehenden? Der Berliner Boulevard. "Wie heißt die Alte mit dem Ausschnitt?", schrie ein Fotograf seinem Nebenmann ins Ohr. Er meinte damit die Hauptdarstellerin des Films, Dakota Johnson, nebenbei Tochter der Hollywoodschauspieler Don Johnson und Melanie Griffith.

Das hier ist Hauptstadtpresse!

Nächste Szene: Deutscher Filmpreis, die Journalisten verfolgen die Verleihung wie so oft im Pressezelt nebenan. Alle Medienvertreter müssen einen Platz finden und nebenbei noch schreiben, während sie das Spektakel auf Bildschirmen verfolgen. Das interessiert die Berliner Fotografen, die sich in erster und zweiter Reihe davor breit gemacht haben, obwohl sie naturgemäß nicht schreiben müssen, wenig. Sie haben gerade Sendepause und tauschen sich lautstark über ihre Freizeitgestaltung aus. Ist da noch jemand anderes im Raum, der arbeiten will? Interessiert keinen. Das hier ist Hauptstadtpresse!

Drittes Beispiel: Ein Hollywoodstar ist zu Gast in der Stadt, den man nicht alle Nase lang zu sehen bekommt. Eine PR-Firma lädt Journalisten zum teuren Essen ein, Meet and Greet für die Presse im hippen Szenelokal. Aber wer die hochprominente Dame ansprechen will, wird schon bei der kleinsten räumlichen Annäherung scharf in die Schranken verwiesen: keine Interviews, keine Fragen, keine Fotos. Die Kollegen hier wundert das wenig. Sie sind nur zum Essen gekommen. Ist doch lecker.

Vierte Szene: Berlinale, George Clooney gibt sich die Ehre. Die Pressekonferenz platzt aus allen Nähten, rein kommt man nur noch mit Tricks. Und damit kennen sich die Berliner aus: Der eine täuscht einen Herzanfall vor, um bei den Ordnern Mitleid zu erheischen, läuft aber den Rest des Tages putzmunter durch den Pressebereich. Der Nächste drängelt sich aggressiv durch die Schlange der Wartenden mit den Worten, er sei Mitarbeiter des Filmfests. In welcher Funktion, will erst am Ende jemand wissen. Da rastet der Mann aus, wird beleidigend - und muss dann doch draußen bleiben. Höhepunkt ist aber ein Mann, der sich als seriöser Journalist verkleidet hat - mit Trenchcoat, Schal und Brille, und für eine große deutsche Tageszeitung um Einlass begehrt. Zufälligerweise schreibt die Frau, die gerade daneben steht, wirklich für diese Zeitung - und kennt ihn gar nicht. Böse aufgeflogen.

Es geht um Eitelkeiten - und zwar die eigenen

Letzter Akt: Tribute to Bambi, was so viel bedeutet wie: Es gibt zwar nichts zu berichten, aber wir laufen uns schon mal warm für den Bambi. Es hätte dann doch etwas zu berichten gegeben für die Klatschpresse, ganz handfest: Til Schweiger hat eine neue Freundin und taucht hier sogar mit ihr auf. Aber die Klatschreporter bemerken das nicht. Diese Frau läuft unter ihrem Radar. Eine Society-Reporterin wanzt sich stattdessen an einen gealterten Schauspieler ran, der mit seiner Frau da ist. Ringt ihm ein Kurzinterview ab - aber nicht, um es zu veröffentlichen, sondern um danach im Kreise der Kolleginnen zu prahlen. Die Frau von dem Alten habe ganz schön doof geguckt, dass ihr Mann sich mit so einer schönen jungen Frau unterhalte. Es geht hier nicht um Arbeit, es geht um Eitelkeiten.

Die Belegschaft schrumpft, die Adabeis kommen

Ein paar dieser Dinge, die sich die Hauptstadtpresse leistet, und die auf den ersten Blick erstaunlich sind, lassen sich auf den zweiten Blick leicht erklären: Natürlich müssen Fotografen nicht den Namen jedes Stars auf Anhieb kennen, seit es das Internet gibt. Man kann googeln und man kann bei der Konkurrenz nachlesen, was man unter sein Bild zu schreiben hat. Außerdem sind hier so viele Pressefotografen unterwegs, dass irgendeiner wohl wissen wird, auf welchem Termin man gerade ist, und wo die Kamera hinschwenken soll.

Auch die Berliner Seele spielt eine Rolle. Es gehört nach wie vor zum guten Ton, dass man hier frei Schnauze spricht. Die Hauptstadtbewohner scheren sich um nichts - und das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Stars sind schließlich keine besseren Menschen als Müllmänner, im Gegenteil: Sie machen eher mehr Dreck. Aber das Selbstverständnis mancher Boulevardvertreter geht so weit, dass sich keiner beschweren darf, wenn er mit übelster Gossensprache überzogen wird, denn hallo, dit is Berlin!

Stars brauchen die Presse weniger als je zuvor

Im Zuge der Digitalisierung hat sich ihr Geschäft gedreht: Stars und Sternchen können sich nun selbst vermarkten. Sie brauchen die Fotografen und Gesellschaftsreporter längst nicht mehr so dringend. Das setzt die Szene unter Druck - noch mehr als sie es schon vorher war.

Günter Wallraff hat es als Erster mutig beschrieben, wie menschenverachtend der Boulevard agiert. Inzwischen gibt es unzählige Bekenntnisse von Ex-Mitarbeitern nicht nur der Zeitung mit den vier großen Buchstaben, die erklären, unter welcher Anspannung die Branche immer schon stand. Da muss geliefert werden, koste es was es wolle, da nimmt man es mit Wahrheit, Ethik und Moral nicht immer so genau. Das sogenannte Witwenschütteln (Unterdrucksetzen von Angehörigen nach Verbrechen oder Unfällen) ist nur einer der Tricks. Viele andere Kniffe sind nötig, um immer neue Skandälchen aufzudecken. Übertreibung ist Mittel zum Zweck.

Jetzt aber brechen die Mittel weg. Wo vorher noch ein Geben und Nehmen zwischen Prominenz und Boulevardpresse war, da können die Sternchen sich nun selbst ganz leicht übers Netz vermarkten, über Facebook, Twitter und Co. Auch Newcomer finden über Youtube schnell den Einstieg, da muss kaum jemand noch bei den alten Medien um Einlass betteln. Die aber bekommen zusätzlich zur wegbrechenden Kundschaft auf beiden Seiten (Prominenz und Leserschaft) noch die Aufgabe aufgebürdet, die neuen Kanäle mitzubedienen - bei schrumpfender Belegschaft.

Blogger kennen keinen Pressekodex

Schon lange gibt es in der gesamten Branche immer weniger Festanstellungen - unter den Fotografen ist das besonders verbreitet. Deshalb der Kampf um jedes einzelne Bild und jede einzelne Einstellung. Zumal in Berlin, nirgendwo gibt es so viele freie - und arbeitslose - Journalisten wie hier. Und dann kommen noch die ganzen Blogger hinzu, die im Moment noch eher die Modebranche aufmischen, aber auch den Boulevardmedien gefährlich werden können. Denn sie haben keinen Pressekodex, der ihnen untersagt, Schleichwerbung zu machen oder "Kooperationen" mit Firmen einzugehen. Das macht die jungen Nachwuchskräfte sehr attraktiv für die Werbewirtschaft und gräbt wiederum anderen das Wasser ab.

Und dann gibt es noch eine besondere Berlin-Komponente: Hier fühlt sich die halbe Stadt eingeladen, wenn groß gefeiert wird. Nicht nur berichterstattende Presse akkreditiert sich zum Event, sondern: Ex-Society-Reporterinnen, Kollegen von Kollegen, die berichten oder es vielleicht vorhaben, Lobbyisten jeglicher Couleur. Hier gibt es eine große Anzahl von Party-Hoppern aus allen möglichen Branchen und Schichten, die ständig versuchen, sich auf jeden Event zu schmuggeln.

Wenn die, die da sind, keine Promis sind, und die, die Promis sind, kaum noch Interesse an Berichterstattung haben, und die, die berichterstatten sollen, die Promis auch kaum noch kennen - dann ist das alles jetzt noch viel mehr Blase, als es eh schon immer war.

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