bedeckt München 12°
vgwortpixel

Boulevardpresse in Berlin:Ausrastende Fotografen, lügende Schein-Presse

Bei der Deutschlandpremiere von "Fifty Shades of Grey" wurde das besonders deutlich. Da reisten ein paar vielversprechende Jungschauspieler aus Hollywood zum meisterwarteten Film des Jahres an, Fans aus ganz Europa nächtigten vor dem Kino, Mädchen kreischten wie irre - und wer fläzte breit und lärmend mitten auf den roten Teppich, schoss die Gäste ab und beleidigte die Umstehenden? Der Berliner Boulevard. "Wie heißt die Alte mit dem Ausschnitt?", schrie ein Fotograf seinem Nebenmann ins Ohr. Er meinte damit die Hauptdarstellerin des Films, Dakota Johnson, nebenbei Tochter der Hollywoodschauspieler Don Johnson und Melanie Griffith.

Premiere von "Fifty Shades of Grey"

Christian Grey macht auf scheues Reh

Das hier ist Hauptstadtpresse!

Nächste Szene: Deutscher Filmpreis, die Journalisten verfolgen die Verleihung wie so oft im Pressezelt nebenan. Alle Medienvertreter müssen einen Platz finden und nebenbei noch schreiben, während sie das Spektakel auf Bildschirmen verfolgen. Das interessiert die Berliner Fotografen, die sich in erster und zweiter Reihe davor breit gemacht haben, obwohl sie naturgemäß nicht schreiben müssen, wenig. Sie haben gerade Sendepause und tauschen sich lautstark über ihre Freizeitgestaltung aus. Ist da noch jemand anderes im Raum, der arbeiten will? Interessiert keinen. Das hier ist Hauptstadtpresse!

Drittes Beispiel: Ein Hollywoodstar ist zu Gast in der Stadt, den man nicht alle Nase lang zu sehen bekommt. Eine PR-Firma lädt Journalisten zum teuren Essen ein, Meet and Greet für die Presse im hippen Szenelokal. Aber wer die hochprominente Dame ansprechen will, wird schon bei der kleinsten räumlichen Annäherung scharf in die Schranken verwiesen: keine Interviews, keine Fragen, keine Fotos. Die Kollegen hier wundert das wenig. Sie sind nur zum Essen gekommen. Ist doch lecker.

Vierte Szene: Berlinale, George Clooney gibt sich die Ehre. Die Pressekonferenz platzt aus allen Nähten, rein kommt man nur noch mit Tricks. Und damit kennen sich die Berliner aus: Der eine täuscht einen Herzanfall vor, um bei den Ordnern Mitleid zu erheischen, läuft aber den Rest des Tages putzmunter durch den Pressebereich. Der Nächste drängelt sich aggressiv durch die Schlange der Wartenden mit den Worten, er sei Mitarbeiter des Filmfests. In welcher Funktion, will erst am Ende jemand wissen. Da rastet der Mann aus, wird beleidigend - und muss dann doch draußen bleiben. Höhepunkt ist aber ein Mann, der sich als seriöser Journalist verkleidet hat - mit Trenchcoat, Schal und Brille, und für eine große deutsche Tageszeitung um Einlass begehrt. Zufälligerweise schreibt die Frau, die gerade daneben steht, wirklich für diese Zeitung - und kennt ihn gar nicht. Böse aufgeflogen.

Es geht um Eitelkeiten - und zwar die eigenen

Letzter Akt: Tribute to Bambi, was so viel bedeutet wie: Es gibt zwar nichts zu berichten, aber wir laufen uns schon mal warm für den Bambi. Es hätte dann doch etwas zu berichten gegeben für die Klatschpresse, ganz handfest: Til Schweiger hat eine neue Freundin und taucht hier sogar mit ihr auf. Aber die Klatschreporter bemerken das nicht. Diese Frau läuft unter ihrem Radar. Eine Society-Reporterin wanzt sich stattdessen an einen gealterten Schauspieler ran, der mit seiner Frau da ist. Ringt ihm ein Kurzinterview ab - aber nicht, um es zu veröffentlichen, sondern um danach im Kreise der Kolleginnen zu prahlen. Die Frau von dem Alten habe ganz schön doof geguckt, dass ihr Mann sich mit so einer schönen jungen Frau unterhalte. Es geht hier nicht um Arbeit, es geht um Eitelkeiten.