Böhmermann bei Telegram:Erlöse mich von dem Dösen

Satiriker Jan Böhmermann

Jan Böhmermann, hier bei der Veranstaltung "Bits & Pretzels", hat jetzt einen Telegram-Kanal.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Jan Böhmermann kuratiert als Verschwörungspraktiker neuerdings einen Kanal bei Telegram - schöner lässt sich das Irrlichtern der Zeit kaum in Popkultur übertragen.

Von Cornelius Pollmer

Die kommunikative Technik des Andeutens hat für Andeuterinnen und Andeuter so viele Vorteile, dass es schwer fällt, die Wichtigsten zu nennen. Wer andeutet, macht sich selten strafbar, muss wenig bis gar nichts wirklich wissen, suggeriert aber, das Gegenteil sei der Fall. Besonders unter Sozialmedienkonsumenten und Sozialmedienkonsumentinnen ist das Andeuten längst weiterentwickelt: von der gelegentlichen Technik zur grundsätzlichen Strategie.

Das ist ärgerlich bis gefährlich, wenn Absolventen der Attila-Hildmann-Online-Akademie für Angewandten Unfug sich an ihre Follower wenden. Es wird zum Genuss, wenn jemand wie der Satiriker Jan Böhmermann einen Telegram-Kanal eröffnet und die Methoden der Hildmänner und -frauen bis zur absoluten Kenntlichkeit verfremdet.

"MACHT DIE AUGEN AUF! ENDLICH!", schreibt Böhmermann auf der für ihn neuen Plattform. Und er schreibt: "Dann benutzt eure AUGEN. Benutzt eure OHREN. ... Nachdenken! Selber denken!!! ... Ihr müsst mir jetzt zuhören und vertrauen. ... ich habe endlich eines der größten Probleme unserer Zeit erkannt! Tut ab sofort bis 0 Uhr nur noch das, was ich euch sage. So ist es am Sichersten für uns alle!" Als Sättigungsbeilage für die Augen gibt es viele alarmistische Emojis, ein paar mäandernde Sprachnachrichen, ein Video.

Worum geht es?

Mittelbar geht es Böhmermann darum, auf seine neue Fernsehsendung hinzuweisen, die am Freitag im ZDF anläuft. Aber worum geht es unmittelbar? Das erfährt auch nach Dutzenden Nachrichten niemand. Es kann auch niemand erfahren, denn es gibt nichts, worum es unmittelbar geht. Es geht schlicht darum, dass es um nichts geht außer ums Andeuten, Raunen, um das In-Aussicht-Stellen von etwas, wobei allerdings das In-Aussicht-Gestellte weder erreicht noch überhaupt skizziert wird.

Wesentliche Religionen kalkulieren mit der Idee der Erlösung, mit etwas Höherem im Himmelreich, das immer in Aussicht steht, ohne je erreicht zu werden. Wesentliche Verschwörungstheoretiker kalkulieren mit der Idee des Aufwachens, mit einer angeblich höheren Wahrheit, die zu erkennen einen jeden von dem Dösen erlöse. Wacht! Endlich! Auf!

Das ist jetzt zu viel der Ehre, klar, aber: Böhmermanns kalkuliert wirren Telegramme erinnern an die Pittura metafisica, an die metaphysische Malerei von Giorgio de Chirico. Sie erinnern an die geniale Idee, Rätsel aufzugeben, für die es keine Lösungen gibt. De Chiricio arbeitete mit verzerrten Proportionen, verschiedenen Fluchtpunkten, irrlichternden Schatten. Böhmermann arbeitet mit vagem Quatsch. Für beides gilt: Wer bei der Betrachtung nicht souverän und denkend bleibt, den kann das Enigmatische in den Wahnsinn treiben.

Der Zeit sagte Jan Böhmermann einmal, bei ihm sei die Erkenntnis gereift, dass man nicht weiterkomme, "wenn man immer nur über den Dingen steht. Niemand steht über den Dingen. Man steht in den Dingen. Du bist immer nur Symptom von Zeit und Umständen."

Dort steht er jetzt, in den Dingen. Und das da Eingetragene muss er jetzt nicht als Buch herausbringen, es ist ein gutes Angebot an alle, die bislang in den Kanälen von Hildmann, Wendler oder Herman herumhängen. Wenn man schon nichts erfährt, dann am besten bei Böhmermann. Cornelius Pollmer

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