Bodensee-"Tatort" Wird schon nicht den Falschen treffen

Undurchsichtig ist die Lage, und das in doppeltem Sinne, als Kommissar Lüthi (rechts) schießt. So richtig erklären kann er Kollegin Blum danach auch nicht, was genau passiert ist.

(Foto: SWR/Peter Hollenbach)

Dunst wabert an den Ufern des Bodensees, die Szenerie ist dementsprechend undurchsichtig. Da schießt "Tatort"-Kommissar Lüthi eben einfach mal. Der Beginn eines vollendeten Desasters.

Von Holger Gertz

Winternebel hängt schwer über dem Bodensee, ein verwundeter Mensch hastet und stolpert durch den Dunst, bis der - Achtung, Leitthema! - undurchschaubare Kommissar Lüthi auf ihn schießt. Bald darauf wird Lüthi seiner Kommissar-Kollegin Klara Blum berichten, es sei alles etwas undurchsichtig gewesen. "Im Nebel?", fragt Frau Blum. "Im Nebel", sagt Herr Lüthi.

Dann hat eine Frau eine Knarre am Kopf. Und eine andere hat Nasenbluten. Eine Uhr tickt. Draußen ziehen gewaltige Schwaden übers Land, es sieht so aus, als wäre Helmut Schmidt mitsamt seinen Menthol-Zigaretten zwischen den Bäumen ausgesetzt worden.

So wabernd fängt dieser Tatort vom SWR an, und auch im Lauf der Geschichte wird man keine Struktur erkennen können, keine Idee. Kein Licht. Zwei tote Männer. Eine entführte junge Frau. Ein zerstrittenes Paar. Ein traumatisierter Kommissar. Das sind nur ein paar der Stränge, die zu einem festen Knäuel zusammengewickelt werden, das nicht zu entwirren ist.

Koala in Vollnarkose

Die Kommissare schleppen iPads durch die Gegend, auf denen Landkarten blinken. Die Kommissare trinken dauernd Kaffee: nicht stark genug für den Assistenten Perlmann, der mit dem Begriff "gelangweilt" kaum hinreichend beschrieben wäre. Verglichen mit Perlmann wirkt ein Koala in Vollnarkose wie ein hyperaktiver Freak.

Entsprechend ist das Erzähltempo: Im Haus des zerstrittenen Paares klingelt das Telefon, zunächst sieht man also das Haus im Ganzen, es sieht aus wie ein Aquarium, ein Aquarium für Menschen. Das Telefon klingelt, jetzt sieht man es schon auf einem Tisch liegen, die Kamera tastet sich an den herumstehenden Obstschalen vorbei. Das Telefon klingelt. Die Kamera fährt an den Orangen vorüber, das Telefon klingelt, die Kamera lässt Bananen und Äpfelchen hinter sich, dann endlich kommt die Hand ins Bild, die zum Telefon greift.

So viel zum Humor

Das ist es, was sie bei diesem Tatort unter Spannung verstehen. Und unter Humor? Ein Bodenseeschiffer, der eine kleine Fähre auf seiner Pudelmütze trägt, erzählt verschiedene Witze. Einer handelt davon, dass man in der Sauna Schwitzerdütsch spricht. Einer dreht sich um elf Blondinen, die vorm Kino warten. So viel zum Humor.

"Winternebel" ist das vollendete Desaster. Es muss kompletter Nebel im Raum gestanden haben, als der Film abgenommen worden ist. Keine Figur, die einem nahe kommt. Beweisstücke und Hinweise sind mit klobigstem Hammer in die Handlung getrieben. Null Drive, kein Sog.

Irgendwann reißt sich die entführte Frau verschiedene Klamotten vom Leib. Irgendwann tritt ein gigantisches Schwein ins Bild. Irgendwann stehen Lüthi und Blum an jener Imbissbude, die sich Ballauf und Schenk unter Schmerzen gerade abgewöhnt haben. Zwei Wurst, zwei Bier. Irgendwann ist auch dieser Tatort vorbei, aber bis dahin dauert es unfassbar lange.

ARD, Sonntag 20.15 Uhr.

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