Bodensee-Tatort "Nachtkrapp" Zu viel des Guten

Ein Fall, ein Konflikt, ein Schatten der Vergangenheit: Offenbar wollten es die Verantwortlichen vom SWR zum Zehnjährigen des Bodensee-Tatorts noch einmal so richtig krachen lassen. Doch leider ist die Jubiläums-Geschichte völlig überladen. Der Kindermord, um den es eigentlich gehen sollte, gerät in den Hintergrund. Das überfordert selbst Kommissarin Klara Blum.

Von Holger Gertz

Erleichterung zum Schluss: Kai Perlmann (Sebastian Bezzel), Klara Blum (Eva Mattes), Moritz (Elia Sager) und Mattheo Lüthi (Roland Koch).

(Foto: obs)

Zehn Jahre Bodensee-Tatort, also zehn Jahre Eva Mattes als Klara Blum, das ist ein schönes Jubiläum. Aber schon die Sprachqualität des Presseheftes lässt Schlimmeres befürchten, die Kommissarin wird darin wie folgt charakterisiert: "Sie ist älter geworden, klar. Aber auch nicht wirklich, denkt sie dann im selben Atemzug".

Offenbar wollten sie es beim SWR zum Zehnjährigen in jeder Hinsicht richtig krachen lassen, sie wollen sehr viel, aber schon die Dortmunder vor zwei Wochen hatten sich etwas überhoben, als sie vier Kommissare neu einführten, der Fall wurde nur so nebenbei gelöst. Diesmal wird ein Kind getötet, aber eigentlich hätte ein anderes getötet werden sollen. Das ist der Fall. Klara Blum bekommt auch noch einen neuen Kollegen aus der Schweiz, ein veritables Arschloch, das mal beim Geheimdienst war und perfekt Chinesisch kann. Da ist also, neben dem Fall, ein Konflikt.

Schnüffler mit Charisma

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Dann tritt schließlich Herr Nussbaum aus der Kulisse, mit dem Klara Blums Vorgesetzter und Ehemann mal zu tun hatte, der vor zehn Jahren erschossen wurde: Hier ist der Link zum Jubiläum. Ein Fall, ein Konflikt, ein Schatten der Vergangenheit. Herr Nussbaum hat mit Klara - Achtung: Presseheftdeutsch - noch eine Rechnung offen. Außerdem trägt er, wie alle Dunkelmänner in deutschen Mittelklassekrimis, eine Wollmütze. Die Türen in deutschen Mittelklassekrimis quietschen übrigens nur dann, wenn Verdächtige oder Irre sie öffnen, bei Normalmenschen bleiben sie still.

Zu viele Ideen, zu viele Stränge: Der Tatort ist überladen. Tote Kinder, rohe Schweizer, ohnmächtige Kommissarin. Schade, dass die wunderbar warme Eva Mattes so vergeudet wird. Wie zuletzt nach Lena Odenthal (Ludwigshafen), Inga Lürsen (Bremen), Sarah Brandt (Kiel) greift das Böse auch nach ihr, nach Klara Blum, die ja dieses und jenes im selben Atemzug denken kann. Doch diese Fähigkeit hilft ihr auch nicht weiter.

Die Episode heißt übrigens "Nachtkrapp", das ist ein schwarzer Vogel, der die Kinder holt. Wenn die Schweizer "Nachtkrapp" sagen, klingt es, als redeten sie von einem Fettgebäck.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

Und dann auch noch der Oberzyniker

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