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Blockchain und Journalismus:Wirklich echte Bilder

Buschbrände in Australien

Waldbrände in Bairnsdale, Australien im Januar 2020. Wer nur das Foto sieht, könnte aber genauso glauben, dass das der Amazonas ist.

(Foto: Glen Morey/dpa)

Im Internet kursieren jede Menge gefälschter Fotos. Ein Projekt der "New York Times" will Manipulationen mit Technik entgegentreten. Kann die Blockchain den Journalismus retten?

Von Adrian Lobe

Als zu Beginn des Jahres eine Feuersbrunst in Australien wütete, kursierten im Netz jede Menge Falschinformationen. So wurde massenhaft ein Foto geteilt, das ein Mädchen mit Gasmaske und einem Koala auf dem Arm vor einer Feuerwalze zeigt. Es war mit Photoshop bearbeitet worden. Auch ging eine Grafik viral, die einen Kontinent in Flammen zeigt und von Popstar Rihanna unter ihren 95 Millionen Followern auf Twitter geteilt wurde. Bei der vermeintlichen Satellitenaufnahme handelte es sich um die überzogene 3D-Visualisierung eines Künstlers.

Im Netz wimmelt es nur so von gefälschten Fotos, Grafiken und Videos - nicht nur zum Coronavirus. Bei den jüngsten Hurrikanes in den USA machte ein Foto die Runde, das einen Hai in einem überfluteten Freeway in Houston dokumentieren soll. Ein Fake, wie sich herausstellte - das Tier wurde einfach per Photoshop hineinmontiert. Wenn solche Manipulationen aufgedeckt werden, zeugt das von einer funktionierenden digitalen Öffentlichkeit. Doch so schnell, wie sich Fakes im Netz verbreiten, kommen die Faktenchecker kaum hinterher. Vor allem, wenn Influencer auch noch als Katalysatoren fungieren.

Die New York Times will das Problem nun mit Kryptographie angehen: Die Forschungsabteilung der Zeitung hat im vergangenen Jahr in Kooperation mit IBM ein Projekt gestartet, bei dem die Authentizität von Fotos mithilfe der Blockchain verifiziert werden soll. Die Blockchain kann man sich wie ein digitales Kassenbuch vorstellen, das sämtliche Änderungsvorgänge wie etwa Transaktionen erfasst und in einer Kette von Datenblöcken speichert. Der Vorteil dieses Registers besteht darin, dass es öffentlich einsehbar ist und als fälschungssicher gilt. Um es zu manipulieren müsste man, vereinfacht gesagt, das Zahlenschloss jedes Blocks der Kette knacken - praktisch unmöglich.

Die NYT hat ein Konzept entwickelt, bei dem über einen Ledger, eine digitale Datenbank, eine detaillierte Versionsgeschichte von Fotos geschaffen wird. Jedes Foto soll mit einem visuellen Signal, einer Art Zeitstempel oder Fingerabdruck, versehen werden, das eine genaue Verifizierung im Nachhinein ermöglicht. Man würde also bei jedem Foto sehen, an welchem Ort es aufgenommen wurde, wer der Urheber ist und wo es zuerst veröffentlicht wurde. Mit der Blockchain-basierten Datenbank hätte man sofort gesehen, dass das Haifoto nicht in Houston entstanden ist, sondern in Südafrika und bereits 2005 im Magazin Africa Geographic erschienen ist. Natürlich bieten auch Metadaten, wie Datum oder Kameramodell, einen Näherungswert für die Authentizität von Fotos. Doch die lassen sich im Vergleich zu kryptographisch gesicherten Daten leicht manipulieren.

Vor einigen Wochen hat die NYT erste Ergebnisse ihres Projekts veröffentlicht. Leserinnen und Leser sollten in einer Befragung die Glaubwürdigkeit von Fotos bewerten. Das Ergebnis: Die Befragten vertrauen Bildern mehr, wenn die Quellen offengelegt werden. Auf dieser Grundlage entwickelten die Datenwissenschaftler schließlich ein Modell für einen Social-Media-Feed, der Möglichkeiten aufzeigt, wie Verlage transparent mit Quellenangaben umgehen können. Mit dem Tool lässt sich genau aufschlüsseln, woher das Bildmaterial stammt, wie alt es ist und ob es womöglich eine Collage verschiedener Aufnahmen ist. Das Projekt könnte neue Standards im Foto- und Videojournalismus setzen.

Die Technologie soll für mehr Transparenz und Vertrauen in den Journalismus sorgen

Es gibt bereits einige journalistische Experimente mit der Blockchain, etwa das Krypto-Start-up Civil, das mit der Nachrichtenagentur AP sowie dem Wirtschaftsmagazin Forbes kooperiert und Nachrichtenarchive auf dem Computerprotokoll von Ethereum speichert. Oder die Verifikations-App Truepic, mit der Journalisten die Echtheit von Fotos mit einer einzigartigen Seriennummer zertifizieren können. Damit kann beispielsweise ein Reporter, der im Ausland recherchiert, seinem Auftraggeber in der Redaktion beweisen, dass er auch wirklich am Ort des Geschehens war und das Foto selbst gemacht hat. Die App greift nicht nur auf die Standortdaten zurück, sondern auch auf Wifi-Signale und sogar das im Smartphone integrierte Barometer, um den Luftdruck mit Wetterdaten abzugleichen. So soll ein fälschungssicheres Wasserzeichen entstehen.

Richtig durchsetzen konnten sich solche Blockchain-gestützten Anwendungen im Redaktionsalltag bislang nicht. Selbst technikaffine Journalisten wagen sich noch nicht wirklich heran. Wenn aber nun ein Flaggschiff wie die New York Times die Technologie anpackt - könnte ihr das vielleicht zum Durchbruch verhelfen?

Der Medienwissenschaftler Walid Al-Saqaf, der an der Södertörn University in Schweden lehrt und den Nutzen der Technologie in einer Studie analysiert hat, glaubt an den Nutzen des Projekts bei der Authentizitätsprüfung originärer Inhalte. Der praktische Nutzen der Speicherung von Fotos und Videos auf der Blockchain sei schließlich bereits von Truepic demonstriert worden. "Ich sehe keinen Grund, warum das Projekt der NYT nicht auch gelingen soll." Allerdings seien noch einige Hürden in Sachen Skalierbarkeit und Standardisierung sowie "technischer Kompetenz" zu überwinden, um daraus langfristig ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu machen, so Al-Saqaf. Kann also die Blockchain den Journalismus retten? "Wir sind nicht zu dem Schluss gekommen, aber wir haben viele Features der Technologie gefunden, die die journalistische Praxis verbessern können", sagt Al-Saqaf. Der entscheidende Vorteil liege in der Verantwortbarkeit und Transparenz, weil in dem öffentlichen Register alles zurückverfolgt werden könne.

Eine Studie der London School of Economics ("What use is blockchain for journalism?") kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Zwar habe die Blockchain nicht die Kraft, den Journalismus neu zu erfinden. Doch könne die Technologie die Transparenz und das Vertrauen in den Journalismus erhöhen.

Gleichzeitig aber ist Kryptographie kein Garant für ein robustes Informationssystem. So haben Unbekannte vor wenigen Wochen die Blockchain-basierte Webseite des argentinischen Amtsblatts Boletín Oficial gehackt und darüber Fake News über das Coronavirus verbreitet. Die Technik hat also noch Schwachstellen. Wenn es aber gelingt, mit Kryptographie manipulierte Fotos und Videos schneller zu identifizieren, dann wäre das nicht nur für den Journalismus ein Gewinn.

© SZ vom 28.05.2020/luch
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