ZDF-Dokudrama zu Bismarck:Der Manipulator

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Otto von Bismarck (Thomas Thieme) an der Front bei Sedan. Aber die brutalen Bombardements werden auch gezeigt. (Foto: ZDF und Stanislav Honzik)

Das ZDF-Dokudrama "Kaiserspiel" zeigt Thomas Thieme als großen Manipulator Otto von Bismarck auf dem Höhepunkt seiner Macht

Von Christian Mayer

Der Schauspieler Thomas Thieme hat in seiner langen Karriere schon oft gezeigt, dass er es versteht, auf ganz unterschiedliche Weise zu herrschen. Mal polternd, mal leise, mit List und Tücke, mit Noblesse und Niedertracht. Bei den Salzburger Festspielen gab er 1999 Shakespeares Richard III. als dirty old king, in "Das Leben der Anderen" spielte er einen von sich selbst berauschten DDR-Kulturminister, danach den Einheitskanzler Helmut Kohl, den Bayern-Patriarchen Uli Hoeneß, zuletzt den heimlichen Herrscher des Dorfes Unterleuten nach dem Roman von Juli Zeh. Bei ihm reicht oft ein einziger grimmiger Satz, den er wie einen Schwerthieb setzt - und dann ist Ruhe.

Auch im ZDF-Dokudrama "Kaiserspiel" brilliert der 73-jährige Thieme als Machtmensch und Manipulator. Was wäre dieser Film, der auch dem sonst eher medienkritischen Haus Hohenzollern gefallen dürfte, ohne diesen Hauptdarsteller? Thieme spielt als Otto von Bismarck alle an die Wand, den zur Nebenfigur degradierten preußischen König Wilhelm (Peter Meinhardt), den schwachen französischen Kaiser Napoleon III. (Hubertus Hartmann), den weltabgewandten, aber für Bargeld sehr empfänglichen Bayernkönig Ludwig II. (Matthias Eberle).

Die Brutalität des deutsch-französischen Krieges wird nicht ausgeblendet

Die Drehbuchautoren Dirk Kämper und Lothar Machtan konzentrieren sich bei ihrer Geschichte auf das Epochenjahr 1870/71. Bismarck hat mit gezielten Provokationen Frankreich dazu getrieben, Preußen den Krieg zu erklären. Auf dem Weg zur deutschen Einigung gibt es nach der Abdankung Napoleons III. nur zwei Hindernisse: Preußen und seine deutschen Verbündeten müssen Frankreich besiegen, was erst der Fall ist, wenn die Festung Paris fällt. Und Bismarck muss den latent eigensinnigen, im Film penetrant großväterlichen Wilhelm überzeugen, die deutsche Kaiserkrone anzunehmen.

Man muss diesem weitgehend auf den historischen Fakten beruhenden Dokudrama zugute halten, dass es die Brutalität des deutsch-französischen Krieges keineswegs ausblendet, etwa die schrecklichen Bombardements französischer Städte. Das eingekesselte Paris ist in Aufruhr, der Aufstand der Kommune im Frühjahr 1871 ist in Vorbereitung: Der Film zeigt, wie aus der Lehrerin Louise Michel (Oona von Maydell) eine zum Äußersten entschlossene Widerstandskämpferin gegen die eigene Regierung wird. In einer zweiten Nebenhandlung darf die ehemalige Kaiserin Eugénie im Gespräch mit der deutschen Kaisertochter Luise die historischen Ereignisse ein halbes Jahrhundert später Revue passieren lassen. Dieser Teil des Films, der auf Schloss Arenenberg am Bodensee spielt, kann am wenigsten überzeugen, weil die beiden alten Damen nur als Stichwortgeberinnen fungieren.

Im Grunde läuft alles auf diesen einen Tag hinaus, der ein Triumph für Preußen werden sollte, aber eigentlich dessen Ende vorwegnahm: die Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles. Thieme zeigt Bismarck als skrupellosen Machiavellisten, der sich tagelang unpässlich meldet, bis sein "allergnädigster Herr" schließlich einknickt und sich von den deutschen Fürsten zum Kaiser ausrufen lässt. Natürlich darf auch der berühmte Satz Wilhelms I. nicht fehlen: "Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens! Da tragen wir das preußische Königtum zu Grabe." Thomas Thieme muss bei seiner Bismarck-Darstellung keine größeren Verrenkungen machen, er hat sich der historischen Figur beharrlich angenähert. Manchmal scheint ein Lächeln über sein Gesicht zu huschen, wenn er weiß, dass er seinem Ziel wieder eine Stiefellänge näher gekommen ist.

Kaiserspiel - Bismarcks Reichsgründung in Versailles, ZDF, 20.15 Uhr.

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