Süddeutsche Zeitung

Bildband "Perryworld":Alltag im Krieg

Der Bildband "Perryworld" würdigt den "Stern"-Fotografen Perry Kretz, der fast sein ganzes Berufsleben in Krisengebieten unterwegs war - und die Kunst beherrscht, Menschen in Posen zu fotografieren, die keine Posen waren.

Von David Pfeifer

Eine schöne Frau mit einer Handgranate, das sieht auch auf den zweiten Blick aus wie eine Fantasie von Quentin Tarantino. Doch dieses Motiv ist echt und es schmückt das Buch des Fotografen Perry Kretz, der das Bild 1978 geschossen hat, in einer anderen Zeit, als es noch keine Smartphones und kein Instagram gab, aber eine schöne Frau mit Handgranate und Sturmgewehr den Kampf der Sandinisten begehrenswert erscheinen lassen konnte. Kretz drückte den Auslöser für das Magazin Stern, für das er fast sein ganzes Berufsleben lang tätig war. Deswegen sind die Bilder in seinem Buch "Perryworld" nicht nur Dokumente der Zeitgeschichte, sondern auch Erinnerungsstücke einer Branche, die mal viel Geld dafür ausgab, um Reporter und Fotografen dorthin zu schicken, wo sonst keiner hinkam oder sich hintraute.

Kretz wurde 1933 in Köln geboren, studierte in den USA und arbeitete eine Weile für die New York Post. Er fotografierte für den Stern nicht nur die Sandinstas in Nicaragua, sondern auch Gangs in New York und G.I.s in Vietnam. In Posen, die keine Posen waren. Ein Rebell taucht Waffen aus einem Pool des Mobutu-Clans, eine Gießkanne hängt am Rohr eines Panzers, ein Mann duscht sich darunter, Alltag im Krieg. Kretz fotografierte auch Ernest Hemingway, der immer lieber Boxer als Schreiber sein wollte, damals bereits mit überkämmter Halbglatze in der ersten Reihe des "Madison Square Garden". Jahre später schoss Kretz ein Bild von Mike Tyson im Anzug, ein als Businessman verkleideter Gewaltmensch. Aber der Hauptteil seiner Arbeit war die Kriegsfotografie.

Dass er immer beim Stern blieb, war für sein Gesamtwerk vielleicht nicht von Vorteil, weil man dann halt dorthin muss, wo die Zeitschrift einen haben will. Ein künstlerisches Oeuvre kann man dabei schlecht verfolgen. Andererseits hat Kretz beim Stern seine Aufträge bekommen und Donald Schneider kennen gelernt. Schneider war unter anderem Art Direktor der französischen Vogue und ließ sich, bevor er Kreativ-Direktor des Mode-Riesen "H&M" wurde, darauf ein, eine große deutsche Illustrierte zu gestalten. Der Stern wollte es vor über zehn Jahren noch mal wissen mit der Wundertüte, und gab ordentlich Geld für Gestaltung aus. Derzeit scheint laut Impressum nicht einmal der Posten der Art Direktorin oder des Art Direktors besetzt zu sein.

Schneider zog es schnell wieder fort vom Stern, aber die Geschichten von Perry Kretz, die behielt er im Kopf. Die bereicherten seine Mode-Welt durch Härte und Realismus ("Perryworld" hört sich nicht zufällig an wie ein Gegenentwurf zu "Terryworld", der gebundenen Selbstinszenierung des in Ungnade gefallen Modefotografen Terry Richardson).

Donald Schneider hat also diesen Bildband zusammengestellt, mit Liebe und gutem Auge und Offenheit für die Geschichten die dahinter stehen. Und für die fast vergessene Zeit, in der ein Fotograf die einzige Vorstellung davon liefern konnte, wie es in einem Kriegsgebiet zuging. Wenn er die Erfahrung und die Courage von Perry Kretz hatte.

Perryworld, Sturm & Drang-Verlag, 44 Euro.

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Quelle:
SZ vom 30.12.2019
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