"Bild"-Zeitung wird 60 Aber ach: "Bild" kann so launisch sein

Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Bild belohnt Unterwerfung. Sie zelebriert jeden, der mitmacht: Volksmusiker und Fußballer, Wirtschaftskapitäne und Politiker. Die Pragmatiker haben das immer verstanden. Bild, bekennt Werbeträger Thomas Gottschalk, "hat mich erst zur Schnecke gemacht, dann zum ,Titan'! Wer in Deutschland was werden will, muss da durch!" Auch Helmut Schmidt, Kind der Freien und Springerstadt Hamburg, lernte früh, dass es "politischer Selbstmord" ist, gegen Bild loszuledern. Trug Bild doch bereits zum Sturz des Hamburger SPD-Bürgermeisters Paul Nevermann bei, der sich vehement gegen ein Verlegerfernsehen stemmte.

1979 erwischte es den "linken Träumer" (Bild) Hans-Ulrich Klose, der atomkritische Anwandlungen gezeigt und ebenfalls gegen Privatfernsehpläne Springers Stellung bezogen hatte. Hauspoet Jonas reimte: "Hamburgs Bürgermeister Klose/ holt die Roten aus der Dose. . . . Klose kommt mit Lenins Knochen / quer im Mund hervorgekrochen." Kloses Unglück, bilanzierte der Economist, war, "dass rund 80 Prozent der Tageszeitungen in Hamburg und all seine Sonntagsblätter vom rechten Springer-Verlag kontrolliert werden". Der Spaß daran habe, Klose zu verfrühstücken. Oder, wie der Brite sagt: "to make a meal of him".

Gerhard Schröder glaubte bekanntlich, mit "Bild, BamS und Glotze" regieren zu können. Was eine sehr kurze Weile gelang. Bild hilft zuweilen gerne. Die ehemaligen Chefredakteure Peter Boenisch und Hans-Hermann Tiedje berieten Franz-Josef Strauß und Helmut Kohl. Michael Spreng, Ex-Chef von Bild am Sonntag, lenkte den Bundestagswahlkampf von Edmund Stoiber. Bild-Mann Bela Anda diente Schröder als Regierungssprecher. Dahinter steckt immer das gierige Kalkül, mit Bild und ihren Mannen die Massen packen zu können. Wenn man nur mitmacht beim "Provozieren und Polarisieren" (Diekmann).

Wulff war nicht der erste Bild-Freund, der fiel

Aber ach: Bild kann so launisch sein. Das Schlagzeilengeschoss geht gerne mal nach hinten los. Die Bild-Zeitung sieht es als ultimatives Zeichen ihrer Macht, ihren Helden ihre Gunst gar plötzlich zu entziehen. Bei Diekmann können sich wohl nur der Papst und Diekmanns Mentor Helmut Kohl ("Wenn er drin ist, ist jeder Raum absolut voll") wirklich sicher sein. Bei Kohls zweiter Hochzeit war der Bild-Chef Trauzeuge, Messdiener und Reporter.

Christian Wulff war nicht der erste Bild-Freund, der fiel. Schon Klose wurde, bevor er stürzte, durch üppige Homestorys geadelt ("Elke Klose isst dauernd Marzipantorte - das muss ja ein süßes Baby werden"). Selbst Willy Brandt genoss die Sonne des Axel Springer - bis ihn der Verleger zum "zweiten Verderber Deutschlands" stempelte. Sie probieren es trotzdem immer wieder. Rudolf Augstein beobachtete bereits 1968 amüsiert, "dass die Politiker Springer dienern und wienern, als gälte es, den Großkönig gnädig zu stimmen". Daran hat sich strukturell nichts geändert.

Was anders ist: Bild steht längst nicht mehr allein, sondern speist einen Strom, in dem jetzt viele schwimmen. Das Geschäftsmodell Gefühl, das Wellenschlagen ist ein Breitensport. Bild ist sich treu geblieben, hat schon immer betrieben, was heute auch Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sowie alle möglichen Medien als massentaugliches Erfolgsrezept erkannt haben: Verkürzung, Dramatisierung, Inszenierung, Personalisierung. Und vielleicht verliert Bild auch deshalb so rasant an Auflage. Der Boulevard kennt heute im Netz weit derbere Spielarten - und er führt längst auch hinein in die ARD: "Das Größte", sagt eine junge Mitarbeiterin des Boulevardmagazins Brisant, "ist, wenn meine Story am nächsten Tag in Bild steht." Man könnte, meint Ex-Bild-Chef Udo Röbel, "etwas salopp sagen: Sorry, der Boulevard hat gesiegt." Das würde seinen Machern natürlich so gefallen.