"Bild"-Zeitung wird 60 Bis heute fühlt man sich verkannt

Obwohl Bild anfangs schlecht lief: Zu viele Bilder, zu wenig Text und über Monate keine einzige Anzeige - die Zahnpasta Chlorodont brach endlich das Eis. Springer steuerte nach. Beim Vertrieb halfen gute Kontakte: Bild rollte im amerikanischen Militärzug gen Berlin. 1954 verkauften sich schon mehr als eine Million Exemplare, in Spitzenzeiten waren es später mehr als fünf Millionen. Aktuell finden noch 2 671 363 Stück ihr Ziel.

Bild mit Argumenten beikommen zu wollen, war immer ein tendenziell hoffnungsloses Unterfangen. Wiewohl Bild, die Gefühlskanone, die als Verdichter eines vermeintlich gesunden Volksempfindens eine hochpotente politische Waffe ist, scharfe Widerworte braucht. Schon Springer spottete über jene "Minorität von Ästheten", der das Boulevardblatt nicht passe. Auch Springer-Chef Mathias Döpfner, der zuweilen einräumt, dass "Bild aus heutiger Sicht damals nicht alles richtig gemacht hat", sieht Kritik an seinem dreisten Dukatenesel letztlich als "Spießermut".

Bis heute fühlt man sich bei Springer verkannt, sieht sich gern als Opfer des liberalen Milieus, der wütenden 68er und der Stasi, die auch das Verlagshaus an der Kochstraße ins Visier nahm. Dankbar nimmt man jeden konvertierten Linken auf, der willens ist, die Springer-Fanfare zu blasen. Wolf Biermann ("Die Kugel Nummer eins kam aus Springers Zeitungswald") war hochwillkommen, Alice Schwarzer ebenso.

Analyse war schon Axel Springer eher fremd

Zum 60. Geburtstag schreibt "der legendäre Ex-Spiegel-Chefredakteur und Bestseller-Autor Stefan Aust" (Bild) über die "Bild-Erfolgsstory", schmückt einen riesengroßen Prachtband voller Titelseiten. "Ein Buch so groß wie die Liebe", schwärmt Bild. "Ein Buch so schwer wie das Schicksal. Und dennoch leicht wie gute Unterhaltung."

Analyse war schon Axel Springer eher fremd. Er näherte sich der Welt selten intellektuell, lieber erspürte er, beinahe kindlich, seine Wahrheiten. Er war der gottsuchende König, ein Gefühlsextremist, oft zerrissen zwischen tiefem Zweifel und Größenwahn, der zwischendurch glaubte, als Heiliger auf die Welt gekommen zu sein. Aus einer Kränkung heraus wurde er politisch - weil Chruschtschow ihn 1958 abblitzen ließ, als er nach Moskau reiste, um eigenhändig die Wiedervereinigung zu deichseln. Er bekam "eine auf die Nuss", resümiert sein Biograf Hans-Peter Schwarz, und hielt nun seine Blätter an, "auf die DDR einzudreschen". Fand Trost in patriotischem Pathos. "Es ist der Zeitpunkt gekommen", lautete Springers Order, "wo Bild nicht mehr nur zum Geldverdienen und zum Amusement der Leser da ist."

Sie verlangt nach Liebe, sonst schlägt sie zu

Springer suchte Anerkennung. Gerade auch bei Gegnern wie Axel Eggebrecht, Mitgründer des Nordwestdeutschen Rundfunks, der dem liebenswürdigen, agilen Jungverleger 1946 zu seiner allerersten Zeitschrift verholfen hatte, den Nordwestdeutschen Heften ("Wir sind sehr schuld am ersten Anfang von Axel Springer"). 1968, als er alle gegen sich wähnte, schrieb der Verleger-Axel dem Radio-Axel: "Ich habe Dich immer für rechtschaffen gehalten + werde es weiter tun. Stufe Du mich bitte auch so ein. Mit guten Grüßen. Dein Axel." Dem Autor Ben Witter beichtete er damals neben seinem Leid mit Bild auch revolutionäre Gefühle: "Ich verstehe Rudi Dutschke gut. Woraus besteht denn unser Leben zu neunzig Prozent, nein, ich möchte sagen, zu fünfundneunzig? Aus grauer Pflichterfüllung."

Ein wenig erinnert die gealterte Bild, auch wenn sie viel rowdyhafter daherkommt, an ihren feinen Schöpfer. Auch sie verlangt nach Liebe. Sonst schlägt sie zu. Sie heischt Aufmerksamkeit, nie mehr als am heutigen Tag, da sie die deutschen Briefträger zu Bildträgern macht und in alle Haushalte drängt.