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Buch über die "Bild"-Zeitung:Toxisch und tendenziös

Bürogebäude der Axel Springer SE in Berlin 12 02 2019 *** Axel Springer SE office building in Berli

Bürogebäude von Axel Springer in Berlin: Schönauer und Tschermak leisten mit ihrem Buch etwas Wichtiges: Sie kontextualisieren die Arbeit von "Bild".

(Foto: imago images/Waldmüller)

Die Journalisten Mats Schönauer und Moritz Tschermak arbeiten in einem Buch sachlich die Methoden der "Bild" auf. Erst am Ende rutschen sie im Ton aus.

Von Cornelius Pollmer

Zeitreisen sind immer riskant, aber wer beabsichtigt, im Archiv der Bild-Zeitung weite Strecken zu gehen, der möchte sich vorher besser impfen lassen. Gegen Fremdscham und Ekel sollte man geschützt sein, auch gegen Bigotterie und Opportunismus. Dann bleibt es vielleicht bei nur leichten Symptomen selbst im Hochrisikogebiet Guttenberg, das in Kapitel eins eines Buches kartiert wird, das die Journalisten Mats Schönauer und Moritz Tschermak geschrieben haben und das an diesem Dienstag erscheint. Das Buch heißt "Ohne Rücksicht auf Verluste - Wie Bild mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet".

Im ersten Kapitel geht es darum, wie Bild die Welt in Freund und Feind aufteilt. Völker und Staaten wurden bereits kollektivierend feindlich beschrieben ("Raffke-Griechen"), selbst gegen Tiere gab es Kampagnen: "Neuer Killer-Wolf im Norden!", "Neuer Problemwolf noch viel böser!", "Der neue Wolf ist ein Nasenbeißer!".

Bessere Presse bekam einst der damalige Bundes- und spätere Problem-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg. Selbst wer sich erinnert, dass Bild lange und oft affirmativ über Guttenberg berichtete, traut mitunter seinen Augen kaum, wenn er sich jetzt bei Schönauer und Tschermak die geradezu besinnungslose Begeisterung des Boulevards vergegenwärtigt. Bild erklärte Guttenberg zum "Einhorn der deutschen Politik", zum "Aufklärer und Erneuerer", "attraktiv, bescheiden, voller Power". Bild warb "Exklusiv in 3D: Minister Guttenberg fliegt im Kampfjet" und jubelte, der PR-Pilot sei "auch in China ein Star". Für "Nörgler, Neider, Niederschreiber" formulierte Bild den Gruß, man möge "Einfach mal die Klappe halten!" - und insinuierte selbst tatsächlich wie folgt: "Sind Adelige die besseren Politiker?" Wird man ja wohl noch fragen dürfen.

Oft werden Auslassungen, Verdrehungen, ein willkürlich gewählter Blickwinkel zur Grundlage tendenziöser Berichterstattung

Anhand der Fallbeispiele Griechenland und Guttenberg lässt sich gleich zu Beginn eine wesentliche Stärke dieses Buches erkennen, die Methode des Gegenschnitts. Mit dieser Methode haben die Autoren ihre Antwort gefunden auf eine Frage, die im Kontext einer Arbeit gestellt werden sollte, die sich mit Bild grundsätzlich auseinandersetzt und mit dem "System Julian Reichelt" des Co- und Immer-noch-Chefredakteurs, der sich im Zuge eines Compliance-Verfahrens zuletzt hatte zwischenzeitlich freiwillig suspendieren lassen. Die Frage lautet, worin der Gewinn eines Projekts besteht, das weithin bekannte Annahmen über Bild zusammenträgt und bestätigt.

Schönauer und Tschermak kontextualisieren die Arbeit von Bild. Dieses Einordnen von Berichten ist wichtig. Erstens, weil Bild gar nicht hauptsächlich mit kalten und leicht zu inkriminierenden Lügen arbeitet. Oft sind es Auslassungen, Verdrehungen und willkürlich gewählte Blickwinkel auf Sachverhalte, die zur Grundlage tendenziöser Berichterstattung werden. Eindrücklich herausgearbeitet wird das im Buch mit einer Schlagzeile über Deutschkenntnisse Geflüchteter. Als Bild wegen dieser Schlagzeile der Lüge bezichtigt wurde, sagte Reichelt, man habe da einfach "schlecht formuliert", jedoch: "Nicht alles, was nicht korrekt ist, ist gleich eine Lüge."

Kontext ist wichtig, weil es aus dem Blätterwald oft eben nicht hinausschallt, wie Bild zuvor hineingerufen hat. Korrekturen versteckt Bild teilweise auf schattigen Plätzen der weniger stark gelesenen Samstagsausgabe, auch sonst gehört es zum Wesen des Debunkings, dass Richtigstellungen fast immer viel kleinere Aufmerksamkeit erhalten als das zuvor Verbreitete, worauf sie sich beziehen. Eine Idee dieses Buches ist nun auch, Vorwurf und Richtigstellung gleich am selben Ort zu verhandeln - und letzterem mehr Platz einzuräumen.

Ein ganzes Kapitel gibt Raum für ein "Interview mit einem Betroffenen" der Bild-Berichterstattung, Kontext wird auch über Verweise zu alter und sehr alter Kritik hergestellt, etwa der berühmtesten aller von Günter Wallraff, der 1977 mit dem Enthüllungsbuch "Der Aufmacher: Der Mann, der bei Bild Hans Esser war" viel Aufsehen erregte. Aus Sicht von Bild lässt sich da wieder abwehren: kalter Kaffee! Für Leser schärft sich eher das Bewusstsein für systematische Mängel in der Arbeit, wenn Zuschreibungen aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts teils auch heute noch auf Bild zutreffen.

Ohnehin ist Amüsement kein Zeichen aufgeklärten Konsums des Boulevards

Kontext wird schließlich auch geschaffen, wenn der stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, Kevin Kühnert, in einem lesenswerten Nachwort schildern darf, wie er das Vorgehen von Bild erlebte in der für ihn wie seine Partei kritischen Phase der "NoGroKo"-Kampagne der Jusos nach der Bundestagswahl 2017. Um den Prozess der Mitgliederbefragung in der SPD als untauglich zu markieren, versuchte Bild eine spanische Hündin namens Lima einzuschleusen. Kühnert schreibt in seinem Nachwort: "Die Titel-Überschrift ,Dieser Hund darf über die GroKo abstimmen' war - bei allem Respekt vor den Fähigkeiten von Lima - die gedruckte Unwahrheit."

Aus der auch zeitlichen Ferne betrachtet, liest sich das womöglich schon wieder mit Amüsement. Im Buch wird hingegen der Gedanke elaboriert, unter Reichelt arbeite Bild auf allen Kanälen auch an einer "Verächtlichmachung des Establishments", nicht zuletzt weil gesellschaftliche Polarisierung für ein Geschäftsmodell gehalten werden könne. Wer die dokumentierte Entwicklung von Demografie und Anzahl der Konsumenten der Print-Bild berücksichtigt (heute deutlich weniger und ältere Leser als zu Spitzenzeiten), hält diesen Gedanken nicht für gänzlich unplausibel. Und wer ein wenig verfolgt, wie in den USA inzwischen selbst gröbster Stumpfsinn und Hass ungerührt in "News Media" verbreitet werden, weil sich in der Aufmerksamkeitsökonomie eben auch damit Geld verdienen lässt, der freut sich eher nicht überbordend über die wohl bevorstehende Erteilung einer Sendelizenz für Bild im deutschen Fernsehen.

Moritz Tschermak, Mats Schönauer: "Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie Bild mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet." Kiepenheuer & Witsch, 2021, 336 Seiten, 18 Euro.

Ohnehin ist Amüsement kein Zeichen aufgeklärten Konsums des Boulevards. Schönauer und Tschermak arbeiten in ihrem Buch heraus, wie tendenziöse Berichterstattung oft dadurch zum noch größeren Problem wird, weil Journalisten und Politiker Inhalte von Bild ungeprüft weitertragen. Über diesen Mechanismus machte einst auch die Geschichte die Runde, der inzwischen verstorbene Moderator Peter Lustig würde Kinder hassen. Lustig hatte lange und teilweise vergeblich damit zu tun, den Vorwurf auszuräumen. Dem Magazin Neon sagte er: "Absurd! Aber bei den Menschen bleibt so etwas kleben."

Der Boulevard, gerade der von Bild, kann vergnüglich und spielerisch sein, er kann mahnen und aufrütteln. Aber wer ihn regelmäßig konsumiert, dem wird beim Lesen dieses Buches wieder einmal bewusst, dass er damit Teil von etwas Toxischem ist, und dass Bild konsumieren mitunter mehr bedeutet, als einen Cheat-Day in die journalistische Diät einzubauen. Dieser Effekt entsteht, weil Schönauer und Tschermak in dieser Sekundär- und Tertiärliteratur im Ton nüchtern und sachlich bleiben - und nur ganz am Ende einmal sonderbar ausrutschen, als sie mit einem überdrehten Verweis auf Christopher Nolans "The Dark Knight" pauschal insinuieren, möglicherweise wolle man auch bei Bild "die Welt einfach nur brennen sehen".

© SZ/hy
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