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Boulevardjournalismus:Öffentliches Leid

Fünf tote Kinder in Solingen - Trauer

Solingen trauert: Kuscheltiere und Kerzen vor dem Haus, in dem die Polizei fünf tote Kinder gefunden hat.

(Foto: dpa)

Fünf Kinder wurden in Solingen getötet. "Bild" und RTL sprechen mit dem Freund des Elfjährigen, der als Einziger überlebt hat - und veröffentlichen Nachrichten der beiden. Ein Sturm der Entrüstung ist die Folge.

Von Willi Winkler

In seinem Roman "Big Story" (1982) geißelt sich der langjährige Bild-Reporter Franz Josef Wagner durch seinen Protagonisten, den Reporter Morlock, weil er sich einer Frau gegenüber, deren Sohn vom Ehemann umgebracht worden ist, als Polizist ausgegeben und sie für ein Foto abgeschossen hat: "Sie stand gut im Licht und weinte." Voll der Reue sieht er seinem Opfer in die Augen, die sich vor Entsetzen "weiteten", aber die Story geht vor. "Sie sind schlimmer als, schlimmer als ...", stottert die übertölpelte Frau, als sie den Betrug merkt, aber da hat der Reporter seine Bilder bereits. Am Abend, als die Zeitung gedruckt ist, mit seiner Geschichte und seinem Foto und seinem Namen in Großbuchstaben auf der Titelseite, "vergaß er die Augen der Frau".

Das Schöne am Unglück ist, dass es den Überlebenden vielleicht nicht zu einem besseren Menschen, aber wenigstens zum Dichter macht. "Regen plätschert auf den Briefkasten vor dem Haus Hasselstraße 155", säuselten die Bild-Reporter, nachdem in diesem Haus in Solingen am vergangenen Donnerstag die Leichen von fünf Kindern aufgefunden wurden, vergaßen aber nicht, beim Deutschen Wetterdienst zu recherchieren: "Das Wetter passt sich der bedrückenden Situation an. Auch der Himmel weint um die fünf toten Kinder." Bild.de weint mit, ach was, da wird geschluchzt, dass Gott sich erbarm'. "Fassungslose Menschen" haben die Reporter erlebt: "Sie wischen sich Tränen aus den Augen, falten die Hände zum Gebet." Wem da nicht weh ums Herz wird, der hat keines, und keiner hat bekanntlich ein größeres Herz für Kinder als Bild.

Welches Leid der einzige Überlebende, der elfjährige Bruder, erfahren hat, will und darf man sich nicht vorstellen. Die Mutter hat versucht, sich das Leben zu nehmen, und ist nicht vernehmungsfähig. Sein Entsetzen über den Tod seiner Geschwister hat der Junge über Whatsapp einem Freund mitgeteilt. Und die Bild-Redaktion entschied sich, die Welt mit Namen, Foto und den Textnachrichten der beiden Freunde versorgen zu müssen. Und das, weil es viele neugierige Leserinnen und Leser versprach, hinter der Bezahlschranke.

Die Empörung darüber war allgemein, Bild war bei Twitter wieder das "Drecksblatt". Auf die Nachfrage, ob man die Berichterstattung nachträglich bedauere, verwies der Sprecher von Bild auf RTL, die die Geschichte "als Erste" gebracht hätten; sie sei dann international aufgegriffen worden. "Bild hatte diese mit dem ausdrücklichen Einverständnis und der Entscheidung der Mutter, wie auch in dem Beitrag explizit dokumentiert, ebenfalls übernommen, was wir bedauern." Die Formulierung soll vermutlich ein bisschen Reue andeuten; der Beitrag wurde dann bei bild.de "zeitnah" entfernt.

Bei RTL, wo die ehemalige Bild-Chefin Tanit Koch die RTL-Zentralredaktion leitet, ist von Bedauern nur insofern die Rede, als "in einer ersten Fassung direkt aus einer Textnachricht des Jungen zitiert wurde", wie ein Sprecher erklärte. Auch bei RTL wurde das geändert, die grundsätzliche Einstellung dazu ist aber ungebrochen: "Wir halten es jedoch - auch nach juristischer Rücksprache - für angemessen, die Hintergründe einer Tat von solch schrecklicher Dimension zu beleuchten, da ein berechtigtes öffentliches Interesse daran besteht."

Nicht Bild, nicht RTL ist also schuld, sondern das öffentliche Interesse. Wen würde es wundern, wenn Wagner, der heute sein Geld als Briefonkel von Bild verdient, sich nicht doch melden würde und eine tiefgefühlte, regenprasselnde Epistel an die toten Kinder und ihre Mutter zusammenschluchzen würde.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund eines redaktionellen Fehlers hatte zunächst auch die SZ in einer Online-Version Zitate aus einem Whatsapp-Chat des Elfjährigen mit einer Freundin und aus dem Klassen-Chat wiedergegeben. Darin berichtete der Junge vom Tod seiner Geschwister. Diese Passage wurde entfernt.

© SZ
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