Bild-Zeitung und Springer-Verlag:Helene oder Hindukusch?

´Bild" zieht nach Berlin

Unter Reichelt bekam Bild das, was sich schon Verlagsgründer Axel Springer so gewünscht hatte: einen TV-Sender.

(Foto: Rainer Jensen/dpa)

Der Chefredakteur musste nach Affären das Büro räumen. Was jetzt aus der "Bild" ohne Julian Reichelt wird.

Ein Gastbeitrag von Mats Schönauer und Moritz Tschermak

Bis zum Anfang dieser Woche war Bild Julian Reichelt. Viereinhalb Jahre lang musste alles durch sein Büro, er bestimmte den Kurs von Deutschlands lautester Zeitung: welche Themen gesetzt, welche Politiker mit Kampagnen unterstützt, welche Privatleben an die Öffentlichkeit gezerrt werden. So hatte schon Kai Diekmann die Redaktion geführt, als Ein-Mann-Macht. Reichelt aber lenkte als Chefredakteur und Vorsitzender der Chefredaktionen (ein Posten, den der Verlag eigens für ihn geschaffen hatte) die Bild-Medien so mächtig und meinungsstark wie kaum jemand vor ihm. Welche Auswirkungen wird es also haben, dass er jetzt weg ist? Wie wird sich Bild ändern? Oder - wird sich überhaupt etwas ändern?

Julian Reichelt, so viel ist klar, hat Bild in eine neue Ära geführt. Er trieb die Digitalisierung voran, war federführend bei der Entwicklung des hauseigenen TV-Senders, den sich schon Verlagsgründer Axel Springer so sehr gewünscht hatte. Vor allem aber änderte Reichelt den inhaltlichen Kurs des Hauses.

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Mats Schönauer und Moritz Tschermak sind langjährige Beobachter der Bild-Zeitung. Tschermak betreibt die kritische Webseite Bildblog.de, für die beide schreiben. Im Frühjahr erschien ihr gemeinsames Buch "Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie Bild mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet".

Bei Vorgänger Diekmann durfte "Bild" noch selbstironisch sein. Reichelt wurde zum Meister der Wut

Diekmann hatte noch eher auf einen voyeuristischen Boulevard gesetzt, einen Mix aus Promi-, TV- und Sex-Geschichten, der zwar krawallig, aber auch heiter, bisweilen sogar selbstironisch sein konnte. Mit Reichelt wurde es düsterer, politischer, spalterischer. Die Schmuddelgeschichten des Boulevards rückten in den Hintergrund. Stattdessen auf Seite eins: Angst, Wut, Chaos. Kombiniert mit wiederkehrenden Motiven wie dem Islam oder Wladimir Putin oder den Kriegen in Syrien und Afghanistan und dem diesbezüglichen Versagen, das Reichelt der deutschen Politik attestierte. Themen also, die ihn schon als jungen Kriegsreporter sehr bewegt hatten, und die er als Chefredakteur nun noch viel größer im Blatt unterbringen konnte.

Die Außenpolitik dürfte künftig seltener in Bild stattfinden, und auf keinen Fall mehr so obsessiv und radikal wie unter Julian Reichelt. Einige der Themen, die ihm sehr am Herzen lagen, sollen beim Rest der Redaktion auf deutlich weniger Begeisterung gestoßen sein, konnte man intern immer wieder hören. Und den Leserschwund der gedruckten Bild hielt Reichelt damit auch nicht auf: Die Auflagenzahlen sanken unter ihm auf den tiefsten Stand seit den Fünfzigerjahren. Digital erreicht Bild dagegen eigenen Angaben zufolge täglich 5,6 Millionen Nutzer.

Sollte Bild daraus inzwischen einen inhaltlichen Kurswechsel in Erwägung ziehen? Darauf gibt es zumindest erste Hinweise: Sowohl in der gedruckten Zeitung als auch online lässt sich seit einer Weile eine Zunahme an Geschichten aus der Prominenten- und Adelswelt beobachten. Kaum ein Tag, an dem nicht über Prinz Harry oder andere Royals berichtet wird, auch Schlager- und TV-Prominenz landen wieder groß auf der Titelseite. Erst diese Woche: "Trotz Doppel-Impfung Intensivstation! Ehefrau von Schlagerstar Tony Marshall in BILD: Ich mache mir Sorgen um Tony".

Bei Bild TV hinterlässt der freigestellte Chefredakteur eine enorme Lücke. Denn er sorgte da für Action

Zu diesem Trend passt die Verpflichtung von Tanja May, die zwanzig Jahre als Klatschreporterin für Bunte im Einsatz war und im Oktober dann zu Bild wechselte, wo sie fortan als Unterhaltungschefin und stellvertretende Chefredakteurin fungiert. Als Mitgift hatte May gleich einen Scoop dabei. Bild fuhr das Thema so groß, wie es selbst dort selten vorkommt, und ließ auch gleich noch den eigenen TV-Kanal profitieren. Als Push-Nachricht an alle Bild-App-Nutzer: "Schalten Sie ab 19 Uhr ein - Die Sensation bei BILD im Fernsehen". Bei Bild.de mit einem großen Countdown auf der Startseite. Und um 19 Uhr schließlich bei Bild TV: "DEUTSCHLANDS SCHÖNSTE BABY-NACHRICHT - HELENE FISCHER IST SCHWANGER". Mehr als ein Dutzend Artikel feuerte Bild in den nächsten Tagen dazu ab. Ein Modell für die Zukunft? Werden Promigeschichten und Adelsklatsch wieder stärker in den Mittelpunkt rücken - statt Politik, Putin, Islam? Johannes Boie jedenfalls, der nun Reichelts Nachfolger als Bild-Chef wird, sagte laut Medieninsider in seiner Antrittsrede vor der Belegschaft, solche Scoops wie die Baby-News bei Helene Fischer seien "der Hammer".

Zum Teil dürfte es für die Bild-Redaktion schlicht schwierig werden, den Reichelt-Kurs ohne Reichelt beizubehalten. Vor allem beim erst zwei Monate alten, aber überaus wichtigen Projekt Bild TV klafft nach seinem Abgang eine enorme Lücke - Reichelt war gern und meinungsstark auf Sendung. Zwar sitzt in Claus Strunz nach wie vor ein bekennender Populismus-Fan als Verantwortlicher für die Bewegtbildpläne in der Bild-Chefredaktion. Doch niemand sorgte in den vergangenen Wochen so häufig und so laut für Action im Bild-TV-Studio wie der (nun ehemalige) Chef persönlich. In seinen Vorträgen zur Lage der Nation verstieg sich Reichelt in wildeste Behauptungen, etwa dass "die Politik" gar keinen Ausweg aus der Pandemie aufzeigen wolle: "Sie möchte diesen Zustand erhalten." Angesichts von Einschaltquoten, die teilweise so niedrig sind, dass sie sich im nicht mehr messbaren Bereich bewegen, wirkte das manchmal wie der verzweifelte Versuch, wenigstens noch ein paar Querdenker anzulocken.

'Bild'-Chef Julian Reichelt

Julian Reichelt mit einer nachkolorierten Ausgabe der ersten "Bild"-Zeitung.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/picture alliance)

Ein wichtiger Faktor für die inhaltliche Entwicklung wird auch sein, wie sich der kleine, aber einflussreiche Kern von Mitarbeitern verhält, den Reichelt in seinen Jahren als Chefredakteur um sich geschart hat: Treue Anhänger in ranghohen Positionen wie Paul Ronzheimer (stellvertretender Chefredakteur), Björn Stritzel (Chefkorrespondent Außen- und Sicherheitspolitik) oder Filipp Piatov (Debatten- und Meinungschef), die in den vergangenen Tagen nicht müde wurden, ihrem Freund und Ex-Chef öffentlich zu danken und von seinen "überragenden journalistischen Fähigkeiten" und seinem "selbstlosen Einsatz für Menschen" zu schwärmen. Bleiben sie bei Bild? Und werden sie versuchen, Reichelts Agenda fortzusetzen? Ein langjähriger Mitarbeiter erzählt, dass die Reichelt-Getreuen sich noch "in einer Schockstarre" befänden.

Eine Transparenzoffensive scheint Bild auch nicht gerade anstoßen zu wollen - über Reichelts Abgang druckte das Blatt lediglich eine kleine Meldung auf Seite drei: Er sei "als Folge von Presserecherchen" von seinen Aufgaben entbunden worden. Mehr erfuhr die Bild-Leserschaft nicht.

Das wirkt so, als würden die Bild-Medien auch ohne Reichelt das fortsetzen, wofür sie sich seit sieben Jahrzehnten als talentiert erwiesen haben, egal, wer gerade Chef war: Fakten verschweigen, verzerren und hinzudichten, Krawall machen, nach unten treten, Frauen zum Objekt machen, Privatsphären verletzen, Existenzen zerstören. Trotzdem wird Reichelt sicher als einer der schillerndsten und brutalsten Chefredakteure in die Bild-Geschichte eingehen und beispiellose Eskapaden und Fehltritte hinterlassen, auch auf publizistischer Ebene. Erinnert sei zum Beispiel an die Bild-Berichte über einen "Sex-Mob" aus Hunderten Flüchtlingen, der durch Frankfurt "getobt" sei und Frauen missbraucht habe. Eine Geschichte, die international Aufsehen erregte - und sich als Falschmeldung entpuppte. Oder die Berichterstattung über das Privat- und Liebesleben eines Models, das mit einem Profifußballer liiert war: Bild zitierte aus ihren privaten Nachrichten ("Jetzt wird's richtig schmutzig"), ließ ihren Ex schwere Vorwürfe gegen sie erheben, schlachtete das Thema tagelang aus. Die 25-Jährige nahm sich das Leben.

Nur für einen scheint das Vermächtnis von Julian Reichelt strahlend zu sein. Mathias Döpfner hat ihm zum Abschied noch mal bescheinigt, dass er Bild "journalistisch hervorragend entwickelt" habe.

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Bild - Julian Reichelt

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