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Nachruf auf Betsy Wade:Heimliche Herrscherin

Betsy Wade speaks to the Women's Network, an employee group at The New York Times, in New York on June 7, 2018. (James Estrin/The New York Times)

Streitbar und respektiert: Betsy Wade bei einem Treffen mit Mitarbeiterinnen der "New York Times" im Jahr 2018.

(Foto: James Estrin/The NewYorkTimes/Redux/laif)

Elizabeth Wade war die erste Nachrichtenredakteurin bei der "New York Times". In einem Musterprozess erstritt sie bessere Bezahlung für Frauen in der Redaktion. Jetzt ist sie im Alter von 91 Jahren gestorben.

Von Willi Winkler

Die heimlichen Herrscher in der Zeitung sind immer die Nachrichtenredakteure gewesen. Sie bestimmen, was ins Blatt kommt, sie redigieren die Texte der Korrespondenten, verbessern sie womöglich und sie formulieren die Überschrift zum Artikel. Dafür gab es früher bei der New York Times immer nur Männer. Dann kam Elizabeth Wade.

Sie hatte nach dem Studium eine Stelle als Modereporterin bei der New York Herald Tribune ergattert und ihn auch schon wieder verloren, weil sie es wagte, schwanger zu werden, und tatsächlich Mutterschaftsurlaub haben wollte. Das war schließlich 1954, und Frauen wurden in der Zeitung bestenfalls geduldet, zuständig für das, was ein Bundeskanzler später als "Gedöns" bezeichnen sollte. Zwei Jahre später wurde Wade, inzwischen zweifache Mutter, von der Times engagiert, wo sie zunächst ebenfalls Modetexte betreuen sollte. Bald jedoch wurde sie ernst genommen. Als sie in der Nachrichtenredaktion erschien, so erzählt es einer ihrer ältesten Kollegen im Nachruf der Zeitung, für die sie 45 Jahre arbeitete, schafften die Männer diskret ihre Spucknäpfe außer Sichtweite und versuchten sich in einer halbwegs zotenfreien Ausdrucksweise.

Stellvertretend für mehr als fünfhundert Frauen strengte sie eine Musterklage gegen die "New York Times" an

1972, zur Zeit von Watergate, erreichte Wades Karriere ihren Höhepunkt, sie wurde (wie das noch gedankenlos genannt wurde) slot man, Chefin also der Auslandsnachrichtenredaktion.

Wade amtierte lange als Vorsitzende der New Yorker Berufsgenossenschaft und engagierte sich für die Rechte der Journalisten. Da sie im Aufsichtsgremium für die Pensionskasse saß, erhielt sie Einblick in die sonst geheimen Gehaltslisten und erfuhr, dass Frauen bei der Times erheblich schlechter bezahlt wurden als ihre männlichen Kollegen. Stellvertretend für mehr als fünfhundert Frauen strengte sie deshalb eine Musterklage gegen ihren Arbeitgeber an, die am Ende so erfolgreich war, dass die Besitzer Besserung geloben mussten. Gehaltszusagen und Aufstiegsversprechen blieben zwar vage, doch auf mittlere Sicht verbesserte sich die Lage der Frauen bei dieser nach wie vor von Männern beherrschten Institution. Dass man Betsy Wade tatsächlich einen Stuhl in der Leitung des Hauses eingeräumt hätte, verbot sich allerdings nach der Klage. So blieb sie die heimliche Königin der Zeitung. Am Donnerstag ist Königin Elizabeth in New York gestorben. Sie wurde 91 Jahre alt.

© SZ/tyc
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