Besuch in Seriencafés:Seriencafés sind ein amerikanisches Phänomen

Das "Mauerwerk" hat es dagegen noch nicht in die Realität geschafft. Das Restaurant dieses Namens mit Bar im Keller ist eine der Hauptkulissen des RTL-Formats. Gute Zeiten, schlechte Zeiten ist eine der stärksten deutschen Serienmarken neben Tatort und Traumschiff. Im "Mauerwerk" treten regelmäßig echte Musiker auf: Nena stand dort schon auf der Bühne, aber auch die schwedische Band Mando Diao. Die Zuschauer können diese Verschmelzung von Fiktion und Wirklichkeit allerdings nur am Bildschirm erleben. Real begehbare Seriencafés sind ein weitgehend amerikanisches Phänomen.

In den USA machen sich auch clevere Geschäftsleute den Wunsch von Zuschauern zunutze, Teil des Serienkosmos zu werden. Das "McGee's" in Midtown Manhattan profitiert zum Beispiel von der Legende, Vorbild für eine der bekanntesten TV-Kulissen überhaupt zu sein: für das "McLaren's Pub" aus How I Met Your Mother. Hier trafen sich über neun Staffeln die Protagonisten, um Ted bei der Suche nach seiner Traumfrau moralisch zu unterstützen und Barney beim Anflirten von Barbesucherinnen zu beobachten. Meist jedoch saßen sie in ihrer Booth aus rotem Kunstleder.

Im realen "McGee's" riecht es nach feuchtem Teppich, und auch sonst hat die echte Bar wenig mit dem Fernsehfreundschaftstraum zu tun. Zumindest gibt es jeden Montag eine spezielle Karte: Die Gerichte haben dann an die Serie angelehnte Namen. Die "Bro Code Combo", bestehend aus Buffalo Wings, Chicken Fingers, Potato Skins und Mozzarella Sticks, kostet stolze 18 Dollar.

Der Besitzer des "Rue La Rue" bekam von der Seriendarstellerin sogar einen Heiratsantrag

Wer die Fahrt mit der U-Bahn ins entlegene Washington Heights auf sich nimmt, kommt im "Rue La Rue" günstiger weg: Die hausgemachte Lasagne kostet hier nur knapp 13 Dollar und schmeckt wirklich so, als könnte sie von einer garstig-liebevollen, italienischen Großmutter wie Sophia gemacht sein. Tatsächlich hat Michael La Rue, der das Restaurant gemeinsam mit dem Sohn der verstorbenen Golden Girls-Darstellerin Rue McClanahan (Blanche) betreibt, einen professionellen Koch engagiert, der eine ganz eigene Interpretation des berühmten Seriengerichts herstellt und seinen Chef damit gar nicht erst in die Verlegenheit etwaiger Lizenzstreitigkeiten bringt. Im Café kommen überdies auch Kreationen von Prominenten auf den Teller.

Die stammen aus einem privaten Kochbuch von Rue McClanahan, in das sie Rezepte befreundeter Schauspielkollegen und anderer Künstler schrieb. Café-Besitzer La Rue hat die Sammlung geerbt, genauso wie die unzähligen Film- und Bühnen-Memorabilia, die sich in dem kleinen Raum finden. Als sie seinen Nachnamen hörte, habe sie ihm umgehend einen Heiratsantrag gemacht, hat der Café-Besitzer einmal über seine Freundschaft mit der Schauspielerin gesagt: "Sie wollte Rue La Rue heißen." Auch diese Geschichte steckt in dem Café, und das macht es trotz der überladenen Kitsch-Ästhetik charmant.

Auf dem Flachbildschirm witzelt Dorothy gerade über den Männerverschleiß von Mitbewohnerin Blanche: "Siamesische Zwillinge schlafen mehr allein als du." Auch diese Pointe nimmt die jüngste Café-Besucherin ungerührt hin, sie ist damit beschäftigt, Kuchen auf dem Tisch zu verschmieren. Man kann also auch im "Rue La Rue" sitzen, ganz ohne Fan der Serie zu sein.

© SZ vom 24.06.2017/cag
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