Beschwerde-Rekord beim Presserat Jesus und die Loveparade

Ob Fotos von Katastrophen oder religiöse Satire - immer wieder empören polarisierende Presseberichte die Leser. Im vergangenen Jahr war dies besonders schwerwiegend - der Presserat erhielt so viele Beschwerden wie nie zuvor.

Ein Jesus-Titelbild des Satiremagazins Titanic und Fotos über die Loveparade-Tragödie in Duisburg haben der Presse 2010 einen Beschwerde-Rekord beschert.

Gedenken an die Opfer der Loveparade-Tragödie vom 24. Juli 2010: Allein 240 Beschwerden über die Darstellung der Opfer erhielt der Presserat im vergangenen Jahr.

(Foto: dpa)

Insgesamt 1661 Menschen hätten im vergangenen Jahr beim Deutschen Presserat ihrem Ärger über Veröffentlichungen von Zeitungen und Zeitschriften Luft gemacht, teilte die Selbstkontrolle der Printmedien in Berlin mit.

Allein 240 Beschwerden richteten sich gegen die Darstellung der Opfer der Loveparade-Massenpanik. Der Presserat sprach in einigen Fällen Missbilligungen und Rügen aus, in anderen Fällen wurde die Kritik als unbegründet zurückgewiesen. Das Titanic-Titelbild, das einen katholischen Geistlichen in Schritthöhe vor einem Kreuz mit Jesus Christus zeigt, betrachteten rund 200 Einsender als Verletzung religiöser Gefühle. Der Presserat entschied, dass das Bild durch Pressefreiheit gedeckt sei.

Nicht nur die Zahl an Beschwerden war 2010 so hoch wie nie zuvor, auch das Phänomen der Massenbeschwerde trat zuvor nicht auf, erläutert Ella Wassink vom Deutschen Presserat.

Von den 1661 Beschwerden, die 2010 eingingen, bewertete der Presserat knapp 350 als unbegründet. In 34 Fällen wurden öffentliche Rügen ausgesprochen, die von den betroffenen Blättern auch veröffentlicht werden müssen. Außerdem gab es auch Sanktionen wie nicht-öffentliche Rügen und Missbilligungen.

Kein Schwerpunkt in diesem Jahr erkennbar

Diskutiert hat der Presserat zudem die Namensnennung von Richtern bei umstrittenen Entscheidungen oder Urteilen. Zwar sei gegen die Namensnennung eines Richters prinzipiell nichts einzuwenden. Der Richter dürfe aber dabei in der Darstellung nicht als Privatperson an den Pranger gestellt werden.

In diesem Jahr rechnet der Presserat allerdings mit weniger Beschwerden, etwa 1200 heißt es. Dabei sei kein Schwerpunkt zu erkennen, auch nicht der Massenmord von Oslo. Insgesamt 16 Beschwerden über die Berichterstattung wurden dazu eingereicht, wovon der Presserat sieben als unbegründet ansah.

Mit dem Argument aus Redaktionen, mit Fotos einzelner Opfer könne das Ausmaß einer Tragödie emotional besser dargestellt werden, habe sich der Presserat lange befasst, sagte deren Sprecher Bernd Hilder, Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung. Letztendlich habe man sich aber gegen eine Lockerung des Opferschutzes entschieden. Opfer von Gewalt und Katastrophen hätten ein besonderes Recht auf Schutz ihrer Persönlichkeit, auch die Hinterbliebenen müssten vor solchen Darstellungen geschützt werden, verkündet der Presserat in seinem Statement.

Dies führte bei zwei Veröffentlichungen, in denen eine Vielzahl von Opfern mit Bild und vollem Namen dargestellt wurden, zu konkreten Folgen. Eine solche Berichterstattung sei presseethisch nicht vertretbar. Das Persönlichkeitsrecht der Opfer überlagere ein mögliches Informationsinteresse der Leser. "Nur weil Menschen zufällig Opfer eines schrecklichen Verbrechens oder eines Unglücks werden, rechtfertigt dies nicht automatisch eine identifizierende Berichterstattung über ihre Person", heißt es weiter in der Mitteilung.