"Stern"-Gründer Henri Nannen:Aufklärung in München

Lesezeit: 3 min

"Stern"-Gründer Henri Nannen: Der Journalist und "Stern"-Gründer Henri Nannen ist 1996 gestorben. Nun untersucht das Institut für Zeitgeschichte in München Verbindungen zum Nationalsozialismus im "Stern".

Der Journalist und "Stern"-Gründer Henri Nannen ist 1996 gestorben. Nun untersucht das Institut für Zeitgeschichte in München Verbindungen zum Nationalsozialismus im "Stern".

(Foto: imago/teutopress)

Wie Bertelsmann die NS-Verbindungen des "Sterns" und seines Gründers Henri Nannen untersuchen lässt.

Von Aurelie von Blazekovic

Er wurde in Büsten, im Namen einer renommierten Journalistenschule und eines Preises verewigt. Doch die Ehrwürdigkeit des Andenkens an den Stern-Gründer und langjährigen Chefredakteur Henri Nannen, wurde zuletzt erneut angezweifelt. Bertelsmann, Eigentümer von RTL und des Verlags Gruner + Jahr, hat nun das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München mit der unabhängigen Aufarbeitung der Geschichte des Sterns beauftragt - und insbesondere seines Gründers. Der Forschungszeitraum werde die Jahre ab Gründung des Magazins durch Nannen im Jahr 1948 bis zu dessen Ausscheiden 1983 umfassen, so teilte es Bertelsmann mit. Fokus sei der Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe ab Gründung des Sterns durch Henri Nannen, und "die Frage nach politischen, personellen und inhaltlichen Verflechtungen und Verbindungen zur Zeit des Nationalsozialismus".

Der Historiker Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des IfZ, leitet das Projekt. "Es geht um die Verbindungen und Verflechtungen zum einen von Henri Nannen, aber auch um weitere Persönlichkeiten, die im Laufe der Recherchen von Relevanz werden", erklärt er auf Nachfrage. Heißt: Die Untersuchung beschäftigt sich nicht nur, aber natürlich mit Nannen, im Allgemeineren mit der Frage, wer den Stern geprägt hat, was diese Personen vor 1945 gemacht haben, und ob und wie sich ihre NS-Vergangenheit im Stern niedergeschlagen hat.

Jetzt wird die Bildsprache des "Sterns" gescannt und ausgewertet

So soll die Bildsprache des Magazins in den 35 Jahren von 1948 an untersucht werden, und die Frage, wie "Topoi, Klischees, Charakterisierungen, Perspektiven, die schon im Nationalsozialismus zur Repräsentation von Personen und Kulturen in Bildern und Texten genutzt wurden, auch nach 1945 wieder auftauchen". Oder, inwieweit sich Fortführungen, Modifikationen oder ganz neue Formen der Repräsentation finden. Dazu will man auch Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek nutzen, wo sich seit 2018 das gigantische Foto-Archiv des Sterns befindet. Brechtken nennt es eine "herausragende Quelle zur bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte", die bisher kaum beachtet worden sei. Etwa soll analysiert werden, wie Fotografen, die für Publikationen des NS-Regimes arbeiteten, nach 1945 für den Stern wirkten und wie sich ihre Themenauswahl und ihre Bildsprache dabei entwickelten.

Es gehe um "Kontinuitäten und Diskontinuitäten, um die Entwicklung von Weltbildern, wie sie sich sowohl in Texten als auch in Bildreportagen zeigen", so Brechtken. Der Stern stehe im Zentrum des Projekts, anhand seines Beispiels erhofft man sich aber, das Verständnis der Einflüsse des Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsjournalismus zu erweitern. Ziel sei außerdem, so formulierte es Bertelsmann in seiner Mitteilung, "eine sachliche Grundlage für die öffentliche Debatte zu schaffen".

"Stern"-Gründer Henri Nannen: Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München: Die dortigen Historiker sollen die Geschichte des "Sterns" und seines Gründers aufarbeiten.

Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München: Die dortigen Historiker sollen die Geschichte des "Sterns" und seines Gründers aufarbeiten.

(Foto: Catherina Hess)

Die jüngst wieder aufgekommene Debatte um Nannen, seine NS-Vergangenheit und seinen Stern begann im Mai damit, dass STRG_F, ein Reportageformat des NDR, einen Beitrag publizierte, in dem wiedermal die durch Biografien und Zeitzeugenberichte lange bekannte Tätigkeit Nannens als Propagandist im Krieg thematisiert wurde. Unter anderem zeigte der Beitrag Bilder der antisemitischen Flugblätter, für die Nannen verantwortlich gewesen sein soll. Der neue Stern-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz erklärte daraufhin, man werde "noch kritischer als bisher auf den (komplizierten) Menschen Nannen schauen müssen", und im Stern "offen um die Frage ringen", wie man Nannen bewerte. Der Nannen-Preis für Journalisten wurde im Juni dann als "Stern-Preis" verliehen.

Henri Nannens Sohn Christian und seine Enkel Stephanie und Jan-Oliver Nannen hatten mit Medienanwalt Christian Schertz die Berichterstattung des NDR kritisiert und gefordert, Teile der Recherche mit redaktionellen Hinweisen zu versehen, andere offline zu nehmen. Der NDR wies dies zurück, erklärte sich aber zu Gesprächen bereit, und dazu, die Überschrift eines Beitrags zu ändern.

Auch von der Kunsthalle Emden, deren Mitstifterin Eske Nannen ist, die Witwe von Henri Nannen, wurde im Mai angekündigt, dass man einen externen Historiker damit beauftragen wolle, "Nannens Lebensgeschichte umfassend zu präsentieren und so die Einordnung des Wirkens und Schaffens von Henri Nannen zu ermöglichen". Der Direktor der Kunsthalle, Michael Kühn, teilte der SZ nun mit, dass diese Beauftragung durch die Stiftung Henri und Eske Nannen und Schenkung Otto van de Loo noch nicht erfolgt sei. "Das Auswahlverfahren sowie die Beratungen durch unabhängige Expertinnen und Experten laufen noch." Man begrüße aber jegliche Forschungsprojekte, die sich mit Nannen, seinem Leben und Wirken und seiner Zeit auseinandersetzen. "Dabei sollte auch das Potenzial von Synergieeffekten ausgelotet und die Möglichkeit der Abstimmung und Zusammenarbeit geprüft werden."

Das Forschungsprojekt am Institut für Zeitgeschichte in München ist auf mehrere Jahre angelegt. Laut Bertelsmann ist auch eine wissenschaftliche Tagung angedacht. Thomas Rabe, Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns, erklärte: "Mit der Analyse der Stern-Geschichte wollen wir einen Beitrag zur Mediengeschichte der jungen Bundesrepublik ermöglichen", das IfZ werde man in seiner Arbeit vorbehaltlos unterstützen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusAktenzeichen XY ... ungelöst
:Das Böse unter uns

"Aktenzeichen XY ... ungelöst" gibt es seit 55 Jahren, und offenbar hat die Sendung in fast 40 Prozent der Fälle bei der Klärung geholfen. Dennoch und bei aller Liebe: Sie ist auch die Mutter aller Probleme, die Teilen des True-Crime-Genres anhaftet.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB