Süddeutsche Zeitung

Berliner Zeitung:Holger Friedrich bekommt "Verschlossene Auster"

"Erschreckender Umgang mit dem journalistischen Informantenschutz" in der Causa Julian Reichelt: Das Netzwerk Recherche verleiht dem Verleger der "Berliner Zeitung" einen Negativpreis.

Der Negativpreis "Verschlossene Auster" geht in diesem Jahr an Holger Friedrich, den Verleger der Berliner Zeitung. Der 56-Jährige erhalte die Auszeichnung "für seinen erschreckenden und zerstörerischen Umgang mit dem journalistischen Informantenschutz", erklärte die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche am Samstag in Hamburg.

Verleger Friedrich hatte nach eigenen Angaben den Namen eines Informanten, nämlich des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt, an den Springer-Verlag weitergegeben. Reichelt hatte ihm im Frühjahr 2023 vertrauliche Dokumente aus dem Springer-Konzern angeboten, teilte der Verleger Ende April im Manager-Magazin mit, es habe sich um "Vorstandskommunikation und private Kommunikation von Axel-Springer-Mitarbeitenden" gehandelt. Friedrich und seine Redaktion hätten entschieden, "sie nicht zu verwenden, weil dies gegen Persönlichkeitsrechte und weitere professionelle Standards verstoßen hätte". Stattdessen habe er das Material vernichtet und "die Axel Springer SE über den Sachverhalt informiert", sagt er.

Damit habe Friedrich den Quellenschutz und somit eines der Grundprinzipien des Journalismus gebrochen, begründete Netzwerk Recherche die Auszeichnung. "Die 'Verschlossene Auster' verleihen wir normalerweise an Menschen, die Informationen zurückhalten", erklärte der Vorsitzende der Journalistenvereinigung, Daniel Drepper.

Der Bruch des Quellenschutzes durch Holger Friedrich sei jedoch so gravierend, dass das Netzwerk Recherche in diesem Jahr eine Ausnahme mache und den Verleger mit dem Negativpreis auszeichne. Friedrich habe mit diesem Verhalten nicht nur seinen Kollegen bei der Berliner Zeitung, sondern allen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland geschadet, da er das Vertrauen von Informanten in die Presse erschüttert habe, erklärte Netzwerk Recherche. Dieser Vertrauensbruch könne Menschen in Zukunft davor zurückschrecken lassen, ihre Informationen mit Reportern zu teilen.

Holger Friedrich teilte auf die Einladung zur Preisverleihung nach Angaben der Journalistenvereinigung schriftlich mit, er könne leider nicht teilnehmen, da er im Ausland sei. Vergangenen Donnerstag hatte bereits der Deutsche Presserat "die Verletzung des Informantenschutzes" durch Holger Friedrich gerügt.

Das Netzwerk Recherche vergibt die "Verschlossene Auster" seit 2002 an den "Informationsblockierer des Jahres". Bisher ging der Negativpreis unter anderem an den US-amerikanischen Autohersteller Tesla, die Hohenzollern, die Rüstungsfirma Heckler & Koch, den ADAC, den Weltfußballverband FIFA und die katholische Deutsche Bischofskonferenz. Die Journalistenvereinigung hat nach eigenen Angaben mehr als 1100 Mitglieder. Ihr Ziel ist, einen aufklärerischen und investigativen Journalismus zu fördern.

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