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Berliner Presse:Zum Verhängnis

Verlagshaus Berliner Zeitung

Die Größe des Berliner Zeitungsmarktes ist bei genauerer Betrachtung eher ein Nachteil. Durch ihre Konkurrenz schwächen sich die Zeitungen gegenseitig.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Zu viel, zu gespalten: Berlin ist mit 3,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt im Land. Warum haben es die Zeitungen ausgerechnet dort so schwer? Eine Spurensuche.

Von Jens Schneider

Diese Stadt könnte ein Paradies sein für Zeitungen und ist das Gegenteil. In dieser Woche startet die Berliner Zeitung einen neuen Rettungsversuch, der viele Menschen den Job kostet und doch als letzte Chance einer Zeitung gilt, die mal zur deutschen Washington Post werden wollte. Auch die anderen Blätter der Stadt, der Tagesspiegel, die Morgenpost und das Boulevardblatt BZ kämpfen. Und das, obwohl Berlin mit großem Abstand die meisten Einwohner aller deutschen Städte hat, mehr als 3,5 Millionen.

Wer Gründe für die Berliner Misere sucht und sich umhört, findet diese auch in aberwitzigen Sparprogrammen, wie es sie etwa bei der Berliner Zeitung immer wieder gab. Doch damit ist nicht mal die Hälfte erklärt: Man übersieht, dass sich viele gute Journalisten mit guten Ansätzen versuchten - und doch an Grenzen stießen.

Eine Suche nach Erklärungen führt zu dem Paradox, dass der Vorteil der Größe ein Nachteil ist. "Meiner Meinung nach ist der Berliner Zeitungsmarkt so besonders schwierig, weil er so besonders opulent ist", sagt Dagmar Reim, bis zum vergangenen Sommer Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg. "Als ich vor Jahren nach Berlin kam, fühlte ich mich wie im Zeitungshimmel: eine Stadt mit mehreren großen Zeitungen, einige erscheinen an sieben Tagen die Woche."

Es ist ein Luxus in einer armen Stadt, deren Haushalte im Schnitt viel weniger Geld haben als in München oder Hamburg. "Auf diesem engen Markt kannibalisieren die Zeitungen sich gegenseitig in einer Zeit, in der es Zeitungen ohnehin immer schwerer haben. Die Probleme der Branche potenzieren sich hier." Die Zeitungen könnten keine so hohen Preise nehmen.

"Berlin ist eine Stadt der Zugezogenen", sagt Reim weiter, die Stadt wächst, doch der Zustrom der Neuen hilft wenig, im Gegenteil. "Viele der Neuen haben hier keine publizistische Heimat, keine Zeitung, mit der sie aufgewachsen sind, die vielleicht auch schon ihre Eltern gelesen haben." Man fremdelt wie mit dem Fußballklub Hertha: "Man kommt hier als BVB-Fan oder Anhänger des FC oder VfB an, und es gibt Leute, die bleiben das dann für immer. So ist das eben auch bei den Zeitungen."

"Die Frage ist doch: Was ist in Berlin eigentlich das Lokale? Gibt es das?"

Die Herkunft setzt Grenzen, das gilt auch für die Herkunft der Zeitungen. Viele Jahre nach dem Fall der Mauer wissen zwar viele Berliner kaum noch, wo die Mauer einst verlief. Der Zeitungsmarkt aber blieb zweigeteilt. "Die einstige West-Ost-Trennung spielt noch immer eine Rolle", sagt der Journalist Richard Meng, der lange Jahre Sprecher des Berliner Senats war: "Der Tagesspiegel ist nur im ehemaligen Westberlin eine bürgerliche Institution. Im Osten kommt er nach wie vor nicht an. Die Berliner Zeitung wiederum hatte stets nur im Ostteil der Stadt eine Basis."

Meng sieht eine Ursache auch in der Vielfalt der Stadt: "In Berlin haben sich stark segmentierte Milieus entwickelt, für die stadtweite Zeitungen keine große Bedeutung haben - und die sich nur für ihre eigenen Segmente im Stadtgeschehen interessieren." Wie in anderen europäischen Metropolen leben die meisten Berliner fokussiert auf ihren Kiez. Schon die Bezirke wie Kreuzberg oder Spandau haben mehr Einwohner als manche Landeshauptstädte anderer Bundesländer. "Wer in Reinickendorf wissen will, was in seiner Nachbarschaft passiert, erfährt das nicht in den berlinweiten Zeitungen. Das können die gar nicht leisten. Es bräuchte ja jeden Tag einen Lokalteil für jeden dieser Bezirke."

Als Beobachter in Berlin fragt man sich oft, wo wichtige Debatten der Stadt geführt werden, die alle umtreiben. Meng sagt: "Die Frage ist doch: Was ist in Berlin eigentlich das Lokale? Gibt es das?" Die Zeitungen hätten in ihrer Not "immer nur die Landespolitik fürs Lokale erklärt." Und gingen dabei anders mit ihrer Stadt um als Lokalzeitungen in kleineren Städten, die einen gemeinsamen Geist der Stadt pflegen und auf Identifikation setzen. Die Berliner Blätter spielten immer ein wenig "kleine Bundespolitik", gern im Ton "leicht verächtlich, verliebt ins lokale Scheitern."

Als Alternative entwickelten sich einige erfolgreiche lokale Kiezblogs, die es aber wirtschaftlich meist schwer haben. Die Idee hat der Tagesspiegel mit Blogs von Redakteuren über ihre Quartiere aufgenommen. Als einer der wenigen Erfolge in Berlin gilt der mit dem Grimme-Award ausgezeichnete Blog Checkpoint des Chefredakteurs Lorenz Maroldt, in denen er Berliner Nachrichten kommentiert, sich oft mit einer Überdosis Häme über die Institutionen und Politiker Berlins erhebt. Das wird wahrgenommen, wenn auch, wie man oft hört, wegen des Tons mit Befremden.

Und die Zeitungen? Vielleicht hätte es eine Chance auf Erfolg gegeben - im abgeschlossenen Konjunktiv drückt sich der Medienwissenschaftler Stephan Weichert aus. Der Professor für Journalistik, der lange in Berlin lebte, hat 2009 mit dem Kollegen Leif Kramp im Auftrag des Senats eine Studie über die Berliner Zeitungslandschaft geschrieben und mit Kramp gerade ein Kapitel für ein Buch über die Zeitungsstadt Berlin fertig gestellt. "Die Vielfalt ist den Zeitungen der Stadt zum Verhängnis geworden", sagt er, die Zeitungen hätten sich durch ihre Konkurrenz gegenseitig geschwächt, anstatt jeder für sich Felder auf dem Markt zu finden. Weichert sieht die Berliner Schwierigkeiten, die Hürden zwischen Ost und West, die Fixierung auf die Kieze. "Vielleicht hätte man auch eine neue Zeitung aus dem Boden stampfen sollen", sagt er dazu. "Man hätte alle Potenziale gehabt, an die große Geschichte Berlins als Zeitungsstadt anzuknüpfen, wenn man sich strategisch anders positioniert hätte."

Für die Zukunft sieht er andere Optionen, Weichert spricht von der Anziehungskraft, die Berlin auf digitale Medienangebote hat. "Da wandern viele nach Berlin, das könnte ein spannendes Kapitel werden." Da könnten die Verlage eine Rolle spielen. Er nennt es die letzte Chance.

© SZ vom 02.11.2016
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