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Berlin:Böller und Beschimpfungen

Antonia Yamin

Antonia Yamin berichtet für den israelischen TV-Sender "Kann".

(Foto: Boaz Arad)

Die israelische Fernsehreporterin Antonia Yamin wird in den Straßen Neuköllns mit Feuerwerkskörpern angegriffen und von einem Dreh abgehalten.

Von Thorsten Schmitz

Antonia Yamin kennt eigentlich keine Angst. Seit eineinhalb Jahren berichtet die Europakorrespondentin für den israelischen Fernsehsender Kann aus Paris, Brüssel, Schweden und Deutschland. Sie ist in Mannheim geboren und zog mit ihrer Familie nach Israel, als sie ein Jahr alt war. Über Europa berichtet sie von Berlin aus, wo sie lebt. Erst kürzlich hat die jüdische Israelin eine beklemmende Reportage über Rechtsextreme in Thüringen gedreht und verstörende Interviews mit Neonazis geführt. Auch ein Neonazi-Konzert hatte sie besucht - obwohl die Polizei ihr dringend davon abgeraten hatte.

Nur eine Gegend meidet die 30 Jahre alte Journalistin: Berlin-Neukölln. "Nach Neukölln", sagt Yamin, "gehe ich nur, wenn ich aus beruflichen Gründen dorthin muss." Am Sonntagabend musste sie. Sie hatte dort über eine Demonstration gegen Gewalt an Frauen berichtet, als ihr Fernsehsender anrief und um eine schnelle Kommentierung zur Brexit-Einigung bat. Yamin und ihr israelischer Kameramann begannen, auf der Straße Kottbusser Damm zu filmen, als vier junge Männer mit Migrationshintergrund die beiden anpöbelten und einen Feuerwerkskörper in ihre Richtung schmissen.

"Ich habe mich natürlich sehr erschrocken", sagt Yamin der SZ. Auf Twitter postete sie ein 23 Sekunden langes Video von der Konfrontation und schrieb dazu: "Ich hatte heute wirklich einen schönen Arbeitstag. Aber zwischen zwei Interviews musste ich kurz stoppen, um über den Brexit-Deal zu berichten. Wie ihr auf dem Video sehen könnt, kann man nicht in Berlin-Neukölln auf Hebräisch berichten, ohne dass man gestört und mit Feuerwerkskörpern beworfen wird."

"Kann sein, dass sie provozieren wollten, weil ich Jüdin und Israelin bin oder eine Frau"

Die jungen Männer, berichtet Yamin, hätten sie gefragt, woher sie komme und wo ihr Bericht erscheine. Es sei das erste Mal gewesen, dass sie aus möglicherweise auch antisemitischen Gründen in Berlin an ihrer Arbeit gehindert worden sei. Sie betont, dass sie kein Interesse an einer Überdramatisierung verfolge. "Es kann sein, dass sie mich provozieren wollten, weil ich Jüdin und Israelin bin oder weil ich eine Frau bin." Sie vermutet, dass die Männer den hebräischen Schriftzug auf dem Mikrofon ihres TV-Senders erkannt haben.

Außenminister Heiko Maas twitterte am Dienstag, "die Übergriffe gegen die Journalistin Antonia Yamin sind nicht akzeptabel". Sie selbst sagt, sie beobachte, wie unter Juden in Deutschland "das Gefühl zunehme, dass man als Jude vorsichtiger sein muss". Das liege auch daran, dass sich in Berlin und andernorts "in bestimmten Vierteln Gruppen junger Männer mit bestimmtem familiären Hintergrund" benähmen, "als könnten sie machen, was sie wollen".

Sie selbst besitze zwar auch einen deutschen Pass, fühle sich aber noch immer als Gast in Deutschland. "Ich finde", sagt sie, "dass Menschen mit Migrationshintergrund sich sogar besser benehmen sollten als die Deutschen."

© SZ vom 28.11.2018

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