Süddeutsche Zeitung

Berichterstattung über Krisenherde:Nur ein Narr findet im Krieg die Wahrheit

  • Seit dem Auftauchen des Islamischen Staates ist klar, dass den klassischen Medien das Monopol des Berichtens und Interpretierens in Kriegen und Krisen abhandengekommen ist.
  • Die schiere Menge an Desinformation diskreditiert das Wenige, das die Korrespondenten und Reporter berichten können.
  • Aus den widersprüchlichen Facetten ein Bild zu formen, das dem Geschehen möglichst nahekommt, kann dennoch gelingen.
  • Die ganz großen Untaten werden ohnehin meist mit dem nötigen Abstand geklärt.

Von Tomas Avenarius

Bevor der Reporter William Boot in den Krieg zieht, besorgt er in einem Kolonial-und Expeditionswarenhaus das Nötige. Ein überdimensioniertes Zelt, Notfallrationen für drei Monate, ein faltbares Kanu und einen ebenfalls zusammenlegbaren Fahnenmast mit dem Union Jack daran. Außerdem sechs Tropenanzüge, einen Südwester sowie ein Nikolaus-Hilfskostüm samt Weihnachtsbaumdekoration mit Ständer. Anschließend reist der Romanheld mit seinem halbtonnenschweren Reportergepäck per Zug und Schiff in den afrikanischen Fantasiestaat Ishmaelia. Obwohl er von den Umständen des Konflikts keinen Schimmer hat, löst er mit seinen aus der Not und Chuzpe geborenen Fantasiemeldungen eine internationale Krise aus und kabelt seinen "Scoop", seine Weltsensation, an den abgebrühtesten Kriegsreporterkollegen vorbei nach London.

"Scoop", so heißt der satirische Roman von Evelyn Waugh, Klassiker über Wesen und Wirken des Auslands- und Kriegsreporters. Mit dem Metier, gelegentlich über Krieg und Krise zu berichten, hat das Ganze wenig zu tun. Einen wie Boot könnte es heute nicht mal in der Literatur geben. Einen Kauz, der vom Verleger aufgrund einer Namensverwechslung in den Krieg abkommandiert wird, obwohl er als Mitarbeiter der Landlust-Rubrik seines Blattes glücklich ist. Im 21. Jahrhundert müssten Gotteskrieger diesen Boot selbst im Roman nach der Ankunft in Ishmaelia entführen, vor laufender Kamera enthaupten und seinen Kopf auf den erbeuteten Weihnachtsbaumständer stecken; die Welt erführe es per Twitter oder Instagram.

Seit dem Auftauchen des Islamischen Staates spätestens ist klar, dass den klassischen Medien das Monopol des Berichtens und Interpretierens in Kriegen und Krisen abhandengekommen ist. Was im IS-Staat wirklich geschieht, kann außerhalb des Kalifats des Grauens keiner sagen, weder die BBC noch die New York Times (und ja, auch die SZ nicht).

Frömmlerische Verse unter blutfeuchten Bildern

Trotzdem gibt es jede Menge "Informationen": Die Dschihad-Fraktion flutet das Internet mit Propaganda, frömmlerische Verse unter blutfeuchten Bildern. Dass den photoshoppenden Militanten kein vernünftiger Mensch Glauben schenken kann, spielt keine Rolle. Die schiere Menge an Desinformation diskreditiert das Wenige, das die Korrespondenten und Reporter klassischer Medien über das Kalifat berichten können. Sie kommen in das real existierende Reich der Islamofaschisten nicht hinein oder zumindest nicht lebend wieder heraus.

Und wenn sich dann einer wie der Ex-Politiker Jürgen Todenhöfer als Reporter maskiert, um sich von den Militanten an der Laufleine durch Raqqa führen zu lassen, verschwimmen die Grenzen zwischen Berichterstattung, Propaganda und Selbstmarketing vollends.

Einer wie Todenhöfer gibt den nützlichen IS-Idioten

Es bleibt nur trübe Suppe: Einer wie Todenhöfer gibt den nützlichen IS-Idioten, um hinterher mit Bestsellern Auflage zu machen. Dass er den Journalistenberuf diskreditiert, den er angeblich ausübt, läuft unter Kollateralschaden: Angeblich weiß die Welt nun mehr über das Leben beim Kalifen. In Wahrheit hat er den IS-Propagandisten die Arbeit abgenommen und damit Geld gemacht.

Reporter kann sich jeder nennen, Internet und soziale Medien ersetzen Redaktionen und Druckerpressen, das Unterfangen ist billig und funktioniert global. Aktivisten und Menschenrechtler, Militante, Parlamentarier und andere echte und weniger echte Aufklärer haben es heute leichter als früher.

Kein Krieg ohne Propaganda. Regierungen lügen, Militärs, Rebellen, Untergrundkämpfer und andere Kalaschnikow-Schwinger ebenso. Wer über Konflikte berichtete, konnte sich im Nato-Hauptquartier inhaltsleere Pressekonferenzen anhören, sich bei der US-Army embedden und mit den Männern aus Texas oder Wisconsin durch Bagdad ziehen oder sich von Russen beim Offiziersdinner im Zelt auf einem tschetschenischen Acker beschwindeln lassen, zum Glück wurde wenigstens Wodka gereicht. Heute schaut er ins Internet. Da twittern fast alle, der Kalif, Baschar al-Assad und der Nato-Generalsekretär, und wenn nicht, haben sie ihre Leute dafür.

Unbeteiligte finden sich nur unter Kindern

Bleiben die vermeintlich Guten, die Unschuldigen, die Zivilisten. Aber auch wer leidet, ist Partei. In Kriegen neigen fast alle dem einen oder dem anderen Lager zu; Unbeteiligte finden sich nur unter Kindern. So verdrehen auch die Ausgebombten, Ausgeplünderten und vor dem Krieg Geflüchteten die Dinge, fantasieren, lügen. Manchmal sind sie dazu gezwungen: Wenn der Reporter wieder geht, kommen die Untergrundkämpfer zurück. Vielleicht ist der Vater oder Bruder einer von ihnen, irgendein Neffe kämpft ganz bestimmt. Also waren die Rebellen nie im Dorf, von den Söhnen hat nie einer eine Waffe angefasst, der Imam hat nie den Dschihad gepredigt, die Armee den Ort aus reiner Willkür beschossen, ohne Anlass, im Blutrausch.

Wer im Krieg Fragen stellt, wird die Wahrheit nicht hören, sondern bestenfalls Wahrheiten: die der jeweils einen Seite. Nur ein Narr kann anderes erwarten. Aus den widersprüchlichen Facetten ein Bild zu formen, das dem Geschehen möglichst nahekommt, kann dennoch gelingen. Manchmal besser, manchmal schlechter, aber oft den Einsatz lohnend. Die ganz großen Untaten werden ohnehin meist mit dem nötigen Abstand geklärt.

Einsicht einer Großen

Das Massaker von My Lai, das US-Soldaten 1968 in einem vietnamesischen Dorf angerichtet hatten, wurde mehr als ein Jahr später aufgedeckt. Nicht im Dschungel, sondern am Schreibtisch, vom berühmten Investigativreporter Seymour Hersh. Also kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.

Da ist die Einsicht von Martha Gellhorn, der großen US-Reporterin, die ein paar Jahre unglücklich mit Ernest Hemingway verheiratet gewesen war. Sie hatte viel gesehen - und betrachtete den Kriegs- und Krisenjournalismus irgendwann ohne jeden Zynismus als "Passierschein": "Man braucht die richtigen Papiere und den richtigen Job, um bei dem Schauspiel namens Zeitgeschichte einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern."

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Quelle:
SZ vom 06.10.2015/jobr
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