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Berichterstattung über Krisenherde:Einer wie Todenhöfer gibt den nützlichen IS-Idioten

Es bleibt nur trübe Suppe: Einer wie Todenhöfer gibt den nützlichen IS-Idioten, um hinterher mit Bestsellern Auflage zu machen. Dass er den Journalistenberuf diskreditiert, den er angeblich ausübt, läuft unter Kollateralschaden: Angeblich weiß die Welt nun mehr über das Leben beim Kalifen. In Wahrheit hat er den IS-Propagandisten die Arbeit abgenommen und damit Geld gemacht.

Reporter kann sich jeder nennen, Internet und soziale Medien ersetzen Redaktionen und Druckerpressen, das Unterfangen ist billig und funktioniert global. Aktivisten und Menschenrechtler, Militante, Parlamentarier und andere echte und weniger echte Aufklärer haben es heute leichter als früher.

Kein Krieg ohne Propaganda. Regierungen lügen, Militärs, Rebellen, Untergrundkämpfer und andere Kalaschnikow-Schwinger ebenso. Wer über Konflikte berichtete, konnte sich im Nato-Hauptquartier inhaltsleere Pressekonferenzen anhören, sich bei der US-Army embedden und mit den Männern aus Texas oder Wisconsin durch Bagdad ziehen oder sich von Russen beim Offiziersdinner im Zelt auf einem tschetschenischen Acker beschwindeln lassen, zum Glück wurde wenigstens Wodka gereicht. Heute schaut er ins Internet. Da twittern fast alle, der Kalif, Baschar al-Assad und der Nato-Generalsekretär, und wenn nicht, haben sie ihre Leute dafür.

Unbeteiligte finden sich nur unter Kindern

Bleiben die vermeintlich Guten, die Unschuldigen, die Zivilisten. Aber auch wer leidet, ist Partei. In Kriegen neigen fast alle dem einen oder dem anderen Lager zu; Unbeteiligte finden sich nur unter Kindern. So verdrehen auch die Ausgebombten, Ausgeplünderten und vor dem Krieg Geflüchteten die Dinge, fantasieren, lügen. Manchmal sind sie dazu gezwungen: Wenn der Reporter wieder geht, kommen die Untergrundkämpfer zurück. Vielleicht ist der Vater oder Bruder einer von ihnen, irgendein Neffe kämpft ganz bestimmt. Also waren die Rebellen nie im Dorf, von den Söhnen hat nie einer eine Waffe angefasst, der Imam hat nie den Dschihad gepredigt, die Armee den Ort aus reiner Willkür beschossen, ohne Anlass, im Blutrausch.

Wer im Krieg Fragen stellt, wird die Wahrheit nicht hören, sondern bestenfalls Wahrheiten: die der jeweils einen Seite. Nur ein Narr kann anderes erwarten. Aus den widersprüchlichen Facetten ein Bild zu formen, das dem Geschehen möglichst nahekommt, kann dennoch gelingen. Manchmal besser, manchmal schlechter, aber oft den Einsatz lohnend. Die ganz großen Untaten werden ohnehin meist mit dem nötigen Abstand geklärt.

Einsicht einer Großen

Das Massaker von My Lai, das US-Soldaten 1968 in einem vietnamesischen Dorf angerichtet hatten, wurde mehr als ein Jahr später aufgedeckt. Nicht im Dschungel, sondern am Schreibtisch, vom berühmten Investigativreporter Seymour Hersh. Also kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.

Da ist die Einsicht von Martha Gellhorn, der großen US-Reporterin, die ein paar Jahre unglücklich mit Ernest Hemingway verheiratet gewesen war. Sie hatte viel gesehen - und betrachtete den Kriegs- und Krisenjournalismus irgendwann ohne jeden Zynismus als "Passierschein": "Man braucht die richtigen Papiere und den richtigen Job, um bei dem Schauspiel namens Zeitgeschichte einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern."

© SZ vom 06.10.2015/jobr

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