Berichterstattung über Krisenherde Nur ein Narr findet im Krieg die Wahrheit

Kein Krieg ohne Propaganda: Dieses Foto, aufgenommen in der Nähe von Falludscha, veröffentlichte die Terrormiliz Islamischer Staat Ende Juni.

(Foto: AP)
  • Seit dem Auftauchen des Islamischen Staates ist klar, dass den klassischen Medien das Monopol des Berichtens und Interpretierens in Kriegen und Krisen abhandengekommen ist.
  • Die schiere Menge an Desinformation diskreditiert das Wenige, das die Korrespondenten und Reporter berichten können.
  • Aus den widersprüchlichen Facetten ein Bild zu formen, das dem Geschehen möglichst nahekommt, kann dennoch gelingen.
  • Die ganz großen Untaten werden ohnehin meist mit dem nötigen Abstand geklärt.
Von Tomas Avenarius

Bevor der Reporter William Boot in den Krieg zieht, besorgt er in einem Kolonial-und Expeditionswarenhaus das Nötige. Ein überdimensioniertes Zelt, Notfallrationen für drei Monate, ein faltbares Kanu und einen ebenfalls zusammenlegbaren Fahnenmast mit dem Union Jack daran. Außerdem sechs Tropenanzüge, einen Südwester sowie ein Nikolaus-Hilfskostüm samt Weihnachtsbaumdekoration mit Ständer. Anschließend reist der Romanheld mit seinem halbtonnenschweren Reportergepäck per Zug und Schiff in den afrikanischen Fantasiestaat Ishmaelia. Obwohl er von den Umständen des Konflikts keinen Schimmer hat, löst er mit seinen aus der Not und Chuzpe geborenen Fantasiemeldungen eine internationale Krise aus und kabelt seinen "Scoop", seine Weltsensation, an den abgebrühtesten Kriegsreporterkollegen vorbei nach London.

"Scoop", so heißt der satirische Roman von Evelyn Waugh, Klassiker über Wesen und Wirken des Auslands- und Kriegsreporters. Mit dem Metier, gelegentlich über Krieg und Krise zu berichten, hat das Ganze wenig zu tun. Einen wie Boot könnte es heute nicht mal in der Literatur geben. Einen Kauz, der vom Verleger aufgrund einer Namensverwechslung in den Krieg abkommandiert wird, obwohl er als Mitarbeiter der Landlust-Rubrik seines Blattes glücklich ist. Im 21. Jahrhundert müssten Gotteskrieger diesen Boot selbst im Roman nach der Ankunft in Ishmaelia entführen, vor laufender Kamera enthaupten und seinen Kopf auf den erbeuteten Weihnachtsbaumständer stecken; die Welt erführe es per Twitter oder Instagram.

Seit dem Auftauchen des Islamischen Staates spätestens ist klar, dass den klassischen Medien das Monopol des Berichtens und Interpretierens in Kriegen und Krisen abhandengekommen ist. Was im IS-Staat wirklich geschieht, kann außerhalb des Kalifats des Grauens keiner sagen, weder die BBC noch die New York Times (und ja, auch die SZ nicht).

Frömmlerische Verse unter blutfeuchten Bildern

Trotzdem gibt es jede Menge "Informationen": Die Dschihad-Fraktion flutet das Internet mit Propaganda, frömmlerische Verse unter blutfeuchten Bildern. Dass den photoshoppenden Militanten kein vernünftiger Mensch Glauben schenken kann, spielt keine Rolle. Die schiere Menge an Desinformation diskreditiert das Wenige, das die Korrespondenten und Reporter klassischer Medien über das Kalifat berichten können. Sie kommen in das real existierende Reich der Islamofaschisten nicht hinein oder zumindest nicht lebend wieder heraus.

Und wenn sich dann einer wie der Ex-Politiker Jürgen Todenhöfer als Reporter maskiert, um sich von den Militanten an der Laufleine durch Raqqa führen zu lassen, verschwimmen die Grenzen zwischen Berichterstattung, Propaganda und Selbstmarketing vollends.