TV-Phänomen Bergserien Das Motto lautet: Wirkung vor Authentizität

Der Hund ist gerettet und die heile Welt der Zuschauer auch. Markus Kofler (Sebastian Ströbel) hat seine ZDF-Mission wieder einmal erfüllt.

(Foto: Thomas R. Schumann/ZDF)
  • Die ORF/ZDF-Serie Die Bergretter zum Beispiel erzielt regelmäßig sehr gute Einschaltquoten von fünf bis sechs Millionen Zuschauern.
  • Neben dem Bergdoktor und den Bergrettern schnüren nun auch die Berggefährten vom Team Alpin in einer neuen ZDF-Bergserie die Wanderstiefel.
  • Die Rettungsaktionen im Fernsehen entsprechen derweil nicht immer der Realität echter Bergretter.
Von Titus Arnu

Jaul! So gefährlich hatte sich Benny das Gassigehen wohl nicht vorgestellt. Beim Wandern mit dem Frauchen ist der Hund in Bergnot geraten - und muss nun aus einer Steilwand gerettet werden. Bennys Besitzerin hat die Bergrettung angerufen, und die eilt nun mit einem Hubschrauber in die Öfenschlucht bei Gröbming in der Steiermark. Der Bergretter schwebt an der Longline ein, seilt den Hund an und leistet sofort Erste Hilfe - indem er seine Wurstsemmel mit dem Tier teilt. Alles noch mal gut gegangen!

"Gut, jetzt das Ganze noch mal", ruft Regisseur Steffen Mahnert in die Schlucht, seine Worte hallen von den Wänden wider. Der Hund muss sich an diesem Tag dann noch ein paar Mal retten lassen, der Hubschrauber noch einige Male zentimetergenau durch die Schlucht fliegen und der Bergretter wieder und wieder am Seil baumeln. Alles ist inszeniert: Benny ist in Wirklichkeit ein Weibchen namens Aika, ein ausgebildeter Bergrettungshund, der problemlos eigenständig in flaches Gelände hinunterklettern könnte. Auf Befehl seines richtigen Herrchens, des Bergretters Norbert Pichler, macht er an der angeblichen Unglücksstelle brav Platz, zur Sicherheit ist er mit einem kaum sichtbaren Band an einem Haken fixiert. Was man nicht alles tut für ein paar Wurstsemmeln als Gage!

"Und dann kommt die Natur dazwischen"

Nach ihrer ersten Alpenüberquerung kündigt Nina Ruhland ihren Job und ist seitdem Bergwanderführerin. Ein Gespräch über den Mythos Europäischer Fernwanderweg E5, lebensgefährliche Schneebretter und "bombenkitschige" Momente. Interview von Katja Schnitzler mehr ...

Die dramatische Flughund-Szene in der Öfenschlucht wird später Teil einer neuen Folge der ZDF-Serie Die Bergretter sein. Im Sommer hat die Neue Deutsche Filmgesellschaft (ndF) bereits die zehnte Staffel im Auftrag von ORF und ZDF gedreht. Die neuen 90-minütigen Episoden rund um den charmanten Bergretter Markus Kofler (Sebastian Ströbel) werden von Donnerstag an ausgestrahlt. Die Fangemeinde ist schon gespannt wie ein Kletterseil. Offenbar beobachten viele Flachlandbewohner gern vom bequemen Fernsehsessel aus, wie Bergsteiger in Gletscherspalten verschwinden, Wanderer sich im Hochgebirge verirren, Snowboarder von Lawinen verschüttet werden und Hunde in Steilwänden hängen. Solche Berg-Dramen möchte man persönlich nicht erleben, im Fernsehen erfreuen sie sich jedoch großer Beliebtheit: Die Bergretter erzielen regelmäßig Einschaltquoten von fünf bis sechs Millionen Zuschauern, das ist kein Quoten-Everest, aber immerhin eine recht ordentliche Quoten-Zugspitze.

Malerische Alpenkulisse, zünftige Einheimische, schneidige Berghelden, dramatische Actionszenen und ein paar Liebesgeschichten mit emotionalen Berg- und Talfahrten - das sind die bewährten Zutaten von Bergserien wie Die Bergretter und Der Bergdoktor. Diese beiden erfolgreichen Formate haben einen regelrechten Höhenrausch ausgelöst im ZDF-Programm: Neben dem Bergdoktor und den Bergrettern schnüren nun auch die Berggefährten vom Team Alpin die Wanderstiefel. Johanna von Gutzeit, Daniel Fritz und Daniel Gawlowski verkörpern die Hauptfiguren dieser neuen Bergfilmreihe, die im Alpbachtal und im Zillertal gedreht wurde; kürzlich sind die ersten beiden Folgen ausgestrahlt worden. Rahmen der Geschichte: Drei alte Freunde entfliehen aus unterschiedlichen Beweggründen dem Alltag und gründen in Tirol eine Alpinschule. Kernelemente und Kulisse der Berggefährten ähneln denen der Bergretter und Bergdoktoren: abenteuerliche Outdoor-Erlebnisse, gepaart mit menschlichem Auf und Ab.

Auch wenn die Realität nicht ganz so dramatisch ist: Das Publikum spendet für die Rette

Eine einzige Bergretter-Folge kann so viele dramatische Begebenheiten enthalten, dass man beim Fernsehen sofort Höhenangst bekommt. In der Folge "Abgeschnitten", die den Übergang von Staffel 6 zu Staffel 7 und vom Bergrettungschef Andreas Marthaler (Martin Gruber) zu Markus Kofler (Sebastian Ströbel) markiert, werden die Hauptfiguren erst durch eine Lawine bedroht, dann stürzt jemand ab, die nächsten verirren sich, jemand bricht im Eis ein, und dazu kommt noch ein Beziehungsstreit, der die Bergretter selbst betrifft. Wenn in der Bergretter-Serie eine Figur gut gelaunt in die Berge aufbricht, kann man davon ausgehen, dass etwas ganz, ganz Schlimmes passiert, sonst würde das Drehbuch ja nicht verlangen, dass er aufbricht. Ist der Dachstein, wo die Serie hauptsächlich gedreht wird, wirklich so gefährlich?

Heribert Eisl, der echte Chef der Ramsauer Bergrettung, stellt eine Gegenfrage: "In der Gegend von Bad Tölz wird es auch nicht so viele Morde geben wie im Fernsehen, oder?" Trotzdem: Er hat mehrmals in der Woche mit echten Noteinsätzen zu tun. Oft sind es lapidare Fälle wie verstauchte Knöchel, aber auch Bergungen von Toten und dramatische Rettungsaktionen kommen vor. Eisl hat das Bergretter-Produktionsteam von Anfang an beraten, er stellt sicher, dass die Dreharbeiten logistisch funktionieren, sucht geeignete Locations und berät die Drehbuchschreiber bei den alpinistischen Szenen. "Wenn ein Schauspieler am Seil hängt, sind abseits der Kameras am anderen Ende immer echte Bergretter", sagt Heribert Eisl. Die Sicherheit steht an erster Stelle, alles soll möglichst realistisch aussehen, aber natürlich ist allen Beteiligten klar, dass die Geschichten stark dramatisiert werden.

Hauptdarsteller Sebastian Ströbel hat für seine Rolle ein Klettertraining absolviert, er hat Seiltechniken gelernt und hängt sich in vielen Szenen selbst rein, besonders heikle Aktionen werden mit echten Bergrettern gedoubelt. "Unser Motto lautet: Wirkung vor Authentizität", sagt Ströbel. "Wir versuchen, nah an der Realität zu bleiben", sagt Heribert Eisl, "aber die Fernseh-Bergretter machen trotzdem manchmal Dinge, die in der Wirklichkeit nie passieren würden." In einer Folge war zu sehen, wie eine Frau eine Steilwand hinunterstürzt, der Bergretter springt ohne zu zögern hinterher, zieht den Fallschirm und rettet sie - ein spektakulärer Stunt, den kein Bergretter jemals in die Tat umsetzen würde, zumal die Erfolgsaussichten gleich null sind. In der Folge "Gefangen im Eis" lässt ein Geologe, der in einer Gletscherspalte steckt, seinen mit einer Botschaft versehenen Lawinen-Airbag in die Luft steigen und holt so Hilfe - obwohl die Rettungssäcke in Wirklichkeit nicht mit Helium, sondern mit Druckluft gefüllt sind. Wer sich ein bisschen auskennt in den Bergen, sieht auch schnell, dass die Gletscherspalte aus Schnee nachgebaut wurde.

Heribert Eisl, Chef der Bergrettung Ramsau, berät das Drehteam.

(Foto: Titus Arnu)

Egal, solche Details seien aus Sicht der Profi-Bergretter verzeihlich, findet Eisl, so lange auf die Arbeit der Retter und die Gefahren in den Bergen aufmerksam gemacht werde. Dies scheint zu funktionieren: Viele Fans fördern die Bergrettung mit Geldspenden. Wer dauerhaft verfolgt, mit welch krassen Fällen es die Fernseh-Bergretter zu tun bekommen, möchte seinen nächsten Urlaub vielleicht dann doch lieber im Flachland buchen, wo es keine Lawinen, keinen Steinschlag und auch keine Gletscherspalten gibt. Die ZDF-Serie hat trotzdem einen deutlich zu beobachtenden positiven Effekt auf den Tourismus im Dachstein-Gebiet: "90 Prozent der neuen Gäste in unserer Region sind durch das Fernsehen auf uns aufmerksam geworden", sagt Heribert Eisl, der in der Ramsau ein Hotel betreibt.

Die fiktiven Unglücke im Fernsehen sind ein riesiger PR-Erfolg für die Region. Das Tourismusbüro bietet regelmäßig Fan-Wanderungen zu den Drehorten in der Ramsau an, Autogrammstunden und Fan-Packages mit Hotel und Abendveranstaltungen. Sieben Monate im Jahr verbringt der deutsche Hauptdarsteller Sebastian Ströbel in den Bergen, in den Drehpausen wird er oft von Wanderern und Mountainbikern angesprochen, die meisten wollen Selfies und Autogramme. Manche bitten um Wandertipps, als wäre er wirklich ein Lokalmatador, der hier jeden Stein kennt. Ob er mit angeschnallten Skiern aus dem Helikopter springen würde wie der TV-Bergretter? Eher nicht. "Die Figur ist wagemutiger als ich selbst."

Auf dem neuesten Strand

Kein Wochenende ohne Insel, Sonne, Meer: Warum gerade das deutsche Fernsehen ständig in exotischen Gefilden dreht. Von Kathleen Hildebrand mehr...