Süddeutsche Zeitung

Serie "Bel-Air" auf Sky:Ohne Kontraste

Lesezeit: 3 min

Die Neuauflage der Sitcom "Der Prinz von Bel-Air" ist eine Drama-Serie - und sie scheitert an Mutlosigkeit.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Natürlich ist man enttäuscht, wenn hohe Erwartungen nicht erfüllt werden, und der Trailer aus dem Jahr 2019 erzeugte genau das: Was, wenn die urkomische Comedy-Serie The Fresh Prince of Bel-Air mit Will Smith keine Sitcom wäre, sondern ein Drama? Es regte zum Nachdenken an, provozierte Debatten, und es sorgte für Spannung: Was würde Filmemacher Morgan Cooper anstellen, wenn er den Trailer wirklich in eine Serie verwandeln könnte? Die kriegte er nämlich, von Smith selbst, der nun als Produzent tätig ist.

Cooper tut in Bel-Air alles, was er in seinem Trailer versprochen hat: Es ist eine düstere Serie über einen verlorenen Jungen auf den Straßen von Philadelphia, der im stinkreichen Bel-Air noch viel verlorener ist. Zur Teenage Angst kommen Rassismus, die Debatte über gesellschaftlichen Aufstieg und Vergessen oder Verleugnen der Wurzeln, Kampf um Gleichberechtigung. All diese Themen gab es auch im Original, aber dort kamen sie deshalb so intensiv rüber, weil sie gegen all den Klamauk projiziert wurden - oder wie Zora Neale Hurston in ihrem Aufsatz "How It Feels to Be Colored Me" schrieb: "Ich fühle mich dann am schwärzesten, wenn ich vor einen schneeweißen Hintergrund gestellt werde."

Wenn im Original also Teenager Will und sein Cousin Carlton nur wegen ihrer Hautfarbe von Polizisten schikaniert werden. Wenn sie von Schwarzen verschmäht werden, weil sie in deren Augen zu reich und damit, nun ja, zu weiß geworden sind. Wenn sich Will mit seinem Onkel Phil über den Bürgerrechtler Malcolm X unterhält. Das sind krasse Momente, und jedes 90er-Jahre-Kind, das sich heute noch an die Titelmusik ("This is a story all about how my life got flipped turned upside down ...") erinnert, kennt diese Szenen - die meisten Witze dagegen sind längst vergessen.

Cooper hat nun ein Drama in Pechschwarz erschaffen, bis aufs Grundthema sehr weit weg vom Original; und er bleibt permanent in Pechschwarz, weil die vermeintlichen Kontraste lediglich plumpe Drehbuch-Stilmittel für Konflikte und deren Lösung sind. Die weiße Mitschülerin, die gegenüber Will (Jabari Banks) das N-Wort verwendet, ist eine derartig stumpfe Nuss, dass die wahren Gründe für ihre unsensible Ignoranz nie ausgearbeitet werden. Die Chefs des Magazins, bei dem Wills Cousine Hilary (Coco Jones) arbeiten will, sind solch stereotype Rassisten, dass man sich nicht wundert, wenn sie ihr mitteilen, sie möge ihre Blackness doch ein wenig runterfahren.

Die Magie des Originals lag in der Figur des Onkel Phil, jetzt nur noch karrieregeil

Durch die fehlende Nuancierung, durch den fehlenden Kontrast (Tragik entsteht stets auch aus Komik) werden die Figuren eindimensional und damit uninteressant - die Magie des Originals lag in der Figur des Onkel Phil; ein Afroamerikaner, der seinem schwarzen Neffen mitteilt, dass der keine Ahnung von Malcolm X habe und sich besser mal informieren solle. Der eine Rede hält, dass sich Schwarze niemals, wirklich niemals für finanziellen Erfolg schämen sollen. In der Neuauflage ist Onkel Phil nur noch karrieregeil, Cousin Carlton ein Bösewicht shakespeareschen Ausmaßes, Cousine Hilary eine Influencerin - weshalb man schon fragen sollte, ob es im Weltbild von Hollywood-Autoren eigentlich noch eine andere Tätigkeit für junge Frauen gibt außer Social-Media-Selbstvermarkterin.

Wenn es jedoch nur Drama gibt, nur Probleme und nur entfremdete Figuren, dann verschwimmen die so wichtigen Themen zu einem irrelevanten Brei - zumal diese Themen bereits in Dramen wie Dear White People und She's Gotta Have It nuancierter und intensiver gezeigt wurden und das Sujet "Armer Junge in reicher Familie" gerade in Dramen grandios verfilmt wurde, bei Hellhäutigen (OC, California), Afroamerikanern (All American) und rassenübergreifend (Blind Side).

Die Erwartungen an die Neuauflage waren immens, NBC hat zehn Folgen für sein Streamingportal Peacock bestellt und bereits eine zweite Staffel geordert. Cooper bekommt damit Zeit, die Serie zu entwickeln, zu nuancieren, relevanter zu gestalten. Derzeit ist sie nur eine pechschwarze Botschaft vor pechschwarzem Hintergrund.

Bel-Air, zehn Folgen, auf Sky.

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