"Beforeigners" in der ARD-Mediathek:Neue Höhlenmalerei

Beforeigners - Mörderische Zeiten (Fremvandrerne)

Eigentlich liegen zwischen ihnen 1000 Jahre: Lars Haaland (Nicolai Cleve Broch) und seine Kollegin Alfhildr (Krista Kosonen) ermitteln in einem Mordfall.

(Foto: Eirik Evjen/HBO Nordic)

In der norwegischen Krimi-Satire kommen die Migranten aus der Vergangenheit. "Beforeigners" ist ein wunderbar schlauer, lustiger Spaß.

Von Kathleen Hildebrand

Als Kriminalkommissar Lars Haaland den Kaufvertrag für seine teure Neubauwohnung mit Panoramablick über den Hafen von Oslo unterschreibt, ist deren Wertverfall bereits besiegelt. Im Hafenbecken vor der Stadt hat es da gerade mehrmals blau aufgeblitzt, zottelbärtige Leute in Flachskleidern werden aus dem Wasser gefischt. Es ist der Beginn einer Migrationswelle, die auch Jahre später noch andauern wird. In der Folge werden die Viertel in Wassernähe zum Hinterhof von Oslo. Denn hier kommen die Neuen an, rösten selbst gefangene Kaninchen in den Parks, werfen Speere nach Fischen und schreien Religiöses über den strafenden Gott.

Die Neuankömmlinge, um die es hier geht, kommen nicht aus Afrika und auch nicht aus dem Nahen Osten. Sondern aus der norwegischen Vergangenheit. Aus der Steinzeit, der Wikinger-Ära und aus dem 19. Jahrhundert. Das Setting der norwegischen Serie Beforeigners, die von Samstag an in der ARD-Mediathek zu sehen ist, klingt nach Zeitreisen-Fantasy, ist aber eine herrlich originelle Mischung aus Gesellschaftssatire und Krimi.

Die Frau sitzt jetzt Spitzenblusen tragend im Biedermeier-Wohnzimmer

Nach dem Immobilien-Intro springt die Handlung einige Jahre in die Zukunft. Die Straßen zwischen den glänzenden Hochhäusern von Oslo sind ein bisschen verlottert, im Avantgarde-Bau eines Museums wird "Neue Höhlenmalerei" ausgestellt, und Kommissar Haaland hat eine schwere Krise hinter sich. Seine Frau hat ihn für einen schnauzbärtigen Mann aus dem 19. Jahrhundert verlassen und sitzt jetzt Spitzenblusen tragend in einem Biedermeier-Wohnzimmer. Haaland selbst ist süchtig nach, aber auch halbwegs stabilisiert von Beruhigungstropfen, die eigentlich für die Zeitmigranten gedacht sind.

Beforeigners - Mörderische Zeiten (Fremvandrerne)

Früher Schildmaid, heute Kommissarin: Alfhildr (Krista Kosonen, li.) in ihrer eigenen Zeit.

(Foto: HBO Nordic)

Als er nach einer Auszeit wieder in den Job einsteigen will, darf er das nur unter der Bedingung, ein Ermittler-Duo mit der Neuen zu bilden. Alfhildr - nein, das ist auch für Norweger nicht leicht auszusprechen - ist die erste Polizistin mit Zeitmigrationshintergrund. In der Wikingerzeit war sie eine Kriegerin. Im modernen Oslo stopft sie sich immer noch Moos in die Unterhose, wenn sie ihre Tage hat, kann aber auch Oprah Winfrey zitieren. Die Finnin Krista Kosonen spielt Alfhildr mit einer unterdrückten Wutenergie und selbstverständlichen Autorität, was an sich schon eine große Freude ist. Die Drehbuchautoren haben ihr aber auch großartig komische Szenen geschrieben, die sie zu einer der interessantesten Frauenfiguren des aktuellen Fernsehens machen.

Zusammen müssen die beiden Kommissare einen Mord an einer Zeitmigrantin aus der Steinzeit aufklären. Der Krimiplot gibt den Episoden Struktur und ermöglicht Einblicke in weitere, dunklere Teile dieser Einwanderungsgesellschaft, inklusive prähistorischem Gangsterboss, der auf der stylischen Couch seiner Bloggerfreundin rohe, selbstgefangene Tiere verspeist.

Beforeigners ist keine tief nachdenkliche Ergründung des Migrationsthemas, auch wenn der Serie immer wieder intelligente Seitenhiebe auf den aktuellen Diskurs gelingen ("Norwegen den Norwegern" ist angesichts echter Wikinger einfach der falsche fremdenfeindliche Spruch). In seiner amüsanten Leichtigkeit ist sie aber vielleicht genau die Serie zum Thema, die die Welt gerade braucht.

Beforeigners. Am 13. März um 23.40 im Ersten und in der ARD-Mediathek.

Du willst „Beforeigners“ sehen? Dann hier entlang zur Seite unseres Kooperationspartners Just Watch*:

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© SZ/ebri
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