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Beckmann zu "Costa Concordia":"Im Moment kann ich nur berichten, dass es total windstill ist"

Live-Schaltung zu Korrespondentin Mira Bartelmann nach Italien. Sie schildert erst die Erleichterung der Retter über das wider Erwarten immer noch günstige Wetter. Dann freudig: "Um 16 Uhr war hier richtig viel Action." Schließlich eher bedauernd: "Im Moment kann ich nur berichten, dass es total windstill ist." Es sind auch solche Sätze, die Sendungen wie Beckmann bloßstellen. Es sind Sätze, die Deformation und Deprofessionalisierung eines Berufsstandes deutlich machen.

Beckmann fragt den italienischen Taucher neben der Korrespondentin: "Heute kam in Deutschland die Meldung, dass der Kapitän nicht mehr in U-Haft ist, sondern dass er zu Hause ist. Wie empfinden Sie das?" Die Antwort des Retters ist in genau entgegengesetzter Richtung unterwegs: "Wir versuchen, kühlen Kopf zu bewahren."

Natürlich sind es unglaubliche Vorwürfe, die der Concordia-Crew und insbesondere dem Kapitän gemacht werden: Die Zerstörung eines Schiffes mit mehr als 4000 Menschen an Bord durch ein offensichtlich leichtsinniges Manöver, ein katastrophales, die Situation sogar verschlimmerndes Krisenmanagement - und besonders krasse Fälle von Feigheit und Unfähigkeit. Da gibt es berechtigte Empörung und die Notwendigkeit zu harten Fragen. Doch warum muss man sich als Zuschauer mit Beckmann unentwegt in die Rolle des Gerechten begeben?

Es wird auch nicht besser, als Beckmann endlich Fachleute einbezieht: den deutschen Kapitän Jens-Peter Hoffmann, den Meeresbiologen Kim Detloff und den Sicherheitsexperten Michael Schreckenberg.

Ein völlig neuer Aspekt in der Debatte

Und das, obwohl Hoffmann über den Unglückskapitän der Costa Concordia etwas wahrlich Spektakuläres sagt: "Er hat auch etwas sehr Gutes gemacht." Der Italiener habe nämlich nach der Kollision mit dem Felsen noch mal den Kurs gewechselt, um - möglicherweise - näher ans rettende Ufer heranzukommen. Hoffmann: "Er hat so womöglich vielen Menschen das Leben gerettet." Das wäre ja nun mal wirklich ein völlig neuer Aspekt in der Debatte, doch Beckmann will davon nichts wissen.

Evakuierungsexperte Schreckenberg kritisiert: "Es wird in den Medien immer schnell von Panik gesprochen. Das Bild von Panik stimmt überhaupt nicht. (...) Die Leute sind oft über Stunden ganz ruhig gestanden." Dies motiviert Beckmann, sich von einer der Überlebenden schildern zu lassen, wie das mit der Panik an der Treppe war, anschließend seufzt er zufrieden: "Ah, der Druck von hinten. Jeder sagt: Ich will als Nächster auf die Treppe." Als Schreckenberg später von der "Logik des Misslingens" spricht, ruft Beckmann: "Ein zynischer Begriff!" Ja, pfui aber auch.

Am Ende, natürlich, die Suche nach Perspektive und Lösung: Die möglichen Fehlentwicklungen im Kreuzfahrt-Tourismus, die immer größeren Schiffe bei immer billigeren Preisen: "Muss dafür irgendwas gespart werden?" - "Natürlich", sagt der Kapitän, "deshalb werden die Schiffe ja immer größer". "Natürlich", sagt der Umweltexperte, "deshalb fahren die Schiffe ja auch mit Schweröl statt mit Diesel". "Nicht Diesel!" ruft Beckmann. Und das Abpumpen des Treibstoffs dauert zwei bis vier Wochen, sagt der Experte. "Zwei bis vier Wochen!" ruft Beckmann.

Und dann wird die Stimme des Moderators plötzlich butterweich, denn er will über die bedrohte Natur reden. Genauer gesagt: Er will so tun als ob, um unsere Betroffenheit ästhetisch abzurunden: "Es muss ein wunderschönes Gebiet sein ... " Man könnte es Rosamunde-Pilcher-Journalismus nennen: ein unentwegt klischeehaftes Überzeichnen, dessen Ziel vorgeblich Aufklärung, in Wirklichkeit aber Einlullen ist.

Falsche Tonlage

Das Fazit nach schmerzhaften 75 Minuten vor Mitternacht: Man muss den buchstäblichen Größenwahn einer Boombranche hinterfragen wie auch die Schnäppchenmentalität in unseren Köpfen. Frau Plank, die Überlebende, erklärt, sie wäre auch mit höheren Preisen einverstanden, wenn sie irgendwann vielleicht doch mal wieder eine Kreuzfahrt buchen sollte.

Das sind bedenkenswerte Erkenntnisse. Es ist ja nicht so, dass Beckmann ein Thema nicht aus allen Perspektiven ausleuchten würde. Das Problem ist auch weniger, dass hier bereits die mediale Verwertungsmaschine läuft - nicht nur bei Beckmann -, während vor der italienischen Küste immer noch mit allerletzter Hoffnung um Menschenleben gekämpft wird.

Das Problem ist vielmehr, dass die Tonlage des Gesprächs und die journalistische Grundhaltung, die hinter dem ARD-Mann und seiner Sendung zu erkennen ist, für eine solche Gratwanderung nicht geeignet sind. Doch daran haben wir uns meistens schon gewöhnt. Und das ist, nach all den Schrecken der Katastrophe, das Schlimmste.

© Süddeutsche.de/hai/bero/gba
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