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Beckmann zu "Costa Concordia":Zornesfalte der Katastrophenunterhaltung

Kann man Überlebende im Fernsehen ausstellen, wenn die Katastrophe noch gar nicht überwunden ist, die Rettungsaktionen noch laufen? Die Havarie der "Costa Concordia" wirft viele Fragen auf - auch nach dem Umgang in den Medien. Reinhold Beckmann sieht sich als Aufklärer, doch in seiner Sendung will er nur um jeden Preis die Empörung steigern.

Michael Grill

Schon der Wetterbericht unmittelbar vor der Sendung ist auf Kurs, scharf entlang der Felsen des Katastrophen-Themas, denn es ist "Mistralwetterlage". Man fürchtet Sturm vor der italienischen Küste, der die Rettungs- und Bergungsarbeiten am havarierten Kreuzfahrtschiff Costa Concordia gefährden würde.

Empörung und Aufregung steigern: Das Ehepaar Christine und Gerd Hammer sowie Angelika Blank (von links) zu Gast bei Reinhold Beckmann.

(Foto: NDR/Morris Mac Matzen)

"Sie sehen wunderbar die Wirkung der Insel Korsika", reimt der Wettermann wohl eher unfreiwillig, weil die Berge den befürchteten Starkwind vom Unglücksgebiet abhalten können. Dann kommt Beckmann und macht noch mehr Wind, medialen zumindest: "Augenzeugen berichten - Was passierte auf dem Unglücksschiff Costa Concordia?" Ein mediales Korsika stellt sich dem Katastrophen-Talk nicht in den Weg, denn Reinhold Beckmann sendet live und mit dem Habitus von öffentlich-rechtlichem Premium-Journalismus.

Natürlich stellen sich Fragen: Ab wann darf man was und wie? Überlebende im Fernsehen ausstellen, während die Katastrophe noch gar kein Ende gefunden hat? Die Themen Dschungelcamp und Kreuzfahrthorror zusammenrühren, wie es "stern.tv" am Vortag machte? Wie klärt man auf, wenn die Emotionen so groß sind, gerade bei der Präsentation von unmittelbar Betroffenen?

Diese Fragen werden bei Beckmann nicht gestellt, aber Reinhold Beckmann beantwortet sie auf seine Weise, indem er von Anfang an nichts unversucht lässt, um Empörung und Aufregung zu steigern. Er hat Überlebende zu Gast, die Nürnbergerin Angelika Blank und das Ehepaar Christine und Gerd Hammer aus Königswinter.

Hinter jedem Umstand lauert Gefahr, die keiner sehen will. Selbstverständlich lief alles auf die Katastrophe zu, aber keiner begriff es. Nur er, der Journalist Reinhold Beckmann, sitzt nun mit Zornesfalte auf der Stirn im hellen Studiolicht der Aufklärung und verhilft der Wahrheit zu ihrem Recht.

Beckmann sagt, als Aufnahmen von Passagieren, die gefilmt haben, gezeigt werden: "Es gibt Aufnahmen von Passagieren, die gefilmt haben. Da sieht man Panik! Ein bisschen Unruhe!" Als Bilder mit Menschen in Rettungswesten zu sehen sind, fragt er: "Da sieht man alle warten mit den Westen. Gab es da keine Panik?" Frau Blank berichtet von der Situation an den Rettungsbooten: "Wir haben dann keinen Platz mehr bekommen." Beckmann peitscht: "Keinen Platz mehr bekommen!" Frau Blank soll sagen, warum sie eine Kreuzfahrt machen wollte, und sagt: "Es war ein Superschnäppchen." Beckmann: "Superschnäppchen! Erzählen Sie! 499 Euro!"

Germany's next Top-Katastrophe

Das Schnäppchenthema ist wichtig, aber man macht es nicht wichtiger, wenn man nach ihm schnappt, als habe man Watergate am Haken. Und wenn die Antwort auf die Frage "Sie haben uns gesagt, der Steward habe Sie aufgefordert zu den Rettungsbooten zu gehen - hat das alles geklappt?" einfach nur "Ja" lautet, ist es etwas entlarvend, wenn dem Moderator ein enttäuschtes "Hmm" entweicht.

Beckmann ist Meister darin, Empörung emporschnellen zu lassen, und er kann auf das Traurige, Unsagbare, Schreckliche so schmerzfrei draufspringen wie Heidi Klum auf ihre Models: Germany's next Top-Katastrophe. Und er kann als Moderator einer solchen Gesprächsrunde für den nicht ausschließlich unterhaltungsorientierten Zuschauer unerträglich sein, gerade weil er ständig den seriösen Journalismus wie eine Monstranz vor sich herträgt. In Wirklichkeit ist er dann ein spießiger Einpeitscher, der mit allen verlogenen Mitteln des Boulevards arbeitet.

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