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Talkshow "Reinhold Beckmann trifft...":"Vielleicht sogar Freundschaft"

Reinhold Beckmann (v.l.) empfängt Edmund Stoiber und Gerhard Schröder, die 2002 im Bundestagswahlkampf Gegner waren. Heute sind sie per du.

(Foto: NDR)

Die Ex-Rivalen Edmund Stoiber und Gerhard Schröder schwelgen bei Reinhold Beckmann in Wahlkampf-Erinnerungen - bis Stoiber plötzlich nicht mehr zu Wort kommt.

Es gibt Szenen, die vergisst man nicht. Wie den Abend der Bundestagswahl 2002. Als Edmund Stoiber, der Kanzlerkandidat der Union, vor seinen Anhängern den Sieg von CDU/CSU bekannt gab und ankündigte, er werde später ein Glas Champagner öffnen. Als Stoiber am nächsten Morgen erwachte, hatte Gerhard Schröder die Wahl gewonnen, dank der Überhangmandate, die Stoiber und seine Leute offenbar nicht auf der Rechnung hatten.

Fast 17 Jahre danach wird der Champagner noch mal eingeschenkt, und zwar von Schröder persönlich. Reinhold Beckmann hat beide Politiker in seine Sendung eingeladen, eine Gesprächsreihe, bei der zwei Prominente aufeinandertreffen, die in einem besonderen Verhältnis zueinander stehen. Natürlich spielt das Duell um das Kanzleramt dort eine zentrale Rolle, und Schröder, ein Großmeister der feinen Stichelei, kramt die Champagner-Anekdote noch mal vor.

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Allerdings kann Stoiber, zu dessen Tugenden die akribische Vorbereitung, nicht aber die schlagfertige Replik gehört, mit einer Geschichte kontern, die man so von ihm noch nie gehört hat. Allein wegen solcher Details lohnt es sich, das Gespräch anzusehen. Als beide in der Maske saßen, um für die Berliner Runde geschminkt zu werden, da habe Schröder sehr resignativ gewirkt und zu ihm, Stoiber, gesagt, jetzt müsse er mal zeigen, was er könne. Doch während der Sendung müsse Schröder irgendwelche neuen Informationen bekommen haben, "der Rücken wurde wieder straffer", schildert Stoiber.

Schröder kann sich an diese Situation nicht mehr so genau erinnern, oder vielleicht will er auch nicht. Ein angeschlagener Kanzler passt vermutlich nicht zu seinem Selbstbild. Immerhin hat er drei Jahre später, als er tatsächlich verloren hatte, Angela Merkel am Wahlabend im Fernsehen noch angeherrscht, sie solle doch jetzt mal die Kirche im Dorf lassen. Aber als Beckmann fragt, ob Schröder nach dem knappen Sieg nicht gedacht habe: Noch mal Schwein gehabt, ist Schröder schon wieder ganz der alte Schröder. Er würde eher sagen: "Ich war mal wieder gut genug".

Unterschiedlicher als Schröder und Stoiber können politische Antagonisten, die um das gleiche Amt kämpfen, kaum sein. Hier der Instinktpolitiker Schröder, der die Gunst des Augenblicks brutal ausnutzen konnte. Dort der Aktenfresser Stoiber, der alle Details im Kopf hatte und die Zuhörer in seinen Reden damit auch nicht verschonte. Ob Schröder den immensen Fleiß Stoibers insgeheim bewunderte, ist nicht verbürgt. Aber von Stoiber ist bekannt, dass ihn die Ausgebufftheit Schröders beeindruckte und ihm auch ein Stück weit unheimlich war. Bei Beckmann wird jedenfalls deutlich, warum Schröder am Schluss um Haaresbreite vorn lag, obwohl sich Stoiber damals sehr gut verkauft hat. Schröder hat die Wahl vor allem mit zwei Manövern gewonnen, die Stoiber aus dem Konzept gebracht haben: Dem Nein zum Irakkrieg und seinem Einsatz mit Friesennerz und Gummistiefeln beim großen Hochwasser. "Das hat den ganzen Wahlkampf verändert", bekennt Stoiber.

Heute sind Schröder und Stoiber - ja was eigentlich? Es habe sich, so Schröder, langsam eine gute Bekanntschaft "vielleicht sogar Freundschaft" entwickelt. Beide duzen sich ("Muss ja der Ältere anbieten, also ich", sagt Schröder), auch Schröder war schon in Wolfratshausen eingeladen, zur Brotzeit mit Weißbier, und zwar nicht nur eins, wie Schröder erzählt.

Bei Beckmann, der ja kein knallharter Frager ist, sondern seine Gesprächspartner lieber ins Erzählen bringen möchte, spielt auch immer das Private eine Rolle. Und da bekommt Schröder durch den Ablauf der Sendung einen Vorteil zugeschanzt, bei dem die Medienberater Stoibers in dessen aktiven Zeiten vermutlich sofort Alarm geschlagen hätten. Denn plötzlich wird Schröders koreanische Ehefrau mit an den Tisch gebeten, und das Ehepaar darf ausgiebig über das neue Leben zwischen Hannover, Berlin und Seoul plaudern. Stoiber kommt minutenlang nicht zu Wort, seine Ehefrau Karin wird danach lediglich in Fotos eingeblendet und Stoiber darf bekennen, dass sie das Glück seines Lebens sei. Immerhin kommt es, animiert durch Beckmann, zu einer Gegeneinladung für die Stoibers. Das werde man dann in Berlin machen und seine Frau sollte dann Koreanisch kochen, sagt Schröder.

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