Verlegerstreit:Funke Mediengruppe verlässt BDZV

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In Essen ist man wütend: Die Funke Mediengruppe von Verlegerin Julia Becker will zum nächstmöglichen Termin aus dem BDZV austreten. (Foto: Eventpress/imago images)

Der umstrittene Axel-Springer-Chef Döpfner bleibt weiterhin Präsident des Verlegerverbands. Funke reicht es nun, die Essener schreiben einen verbitterten Abschiedsbrief.

Von Anna Ernst

Der Streit innerhalb des Verlegerverbands eskaliert - und eine der größten Verlagsgruppen will tatsächlich die Reißleine ziehen: Nach mehreren Wochen interner Auseinandersetzungen kündigt die Funke Mediengruppe endgültig ihren Austritt aus dem Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) an. Das geht aus einem Schreiben von Funkes Geschäftsführer Christoph Rüth hervor, das der SZ vorliegt. Der Brief reiht sich ein in eine ganze Ereigniskette von Verbandsstreitigkeiten. Es geht um Macht, Lobbyarbeit, publizistische Werte und das Ansehen einer ganzen Branche. Oder kurz: um die Causa Mathias Döpfner.

Die Funke Mediengruppe, das große Verlagshaus aus dem Ruhrgebiet, hatte in den vergangenen Wochen klar Stellung gegen den Axel-Springer-Chef bezogen, der trotz seiner Rolle im Fall des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt weiterhin Präsident des BDZV ist - und damit oberster Repräsentant der deutschen Tageszeitungen. Döpfner war durch mehrere Recherchen schwer belastet worden. Die Londoner Financial Times kam zuletzt zu dem Schluss, er habe aktiv versucht, den Machtmissbrauch von Reichelt zu vertuschen und einen Anwalt damit beauftragt, Betroffene auszuforschen.

Schon zuvor hatte die New York Times eine private Nachricht von Döpfner an Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre veröffentlicht: Über den später geschassten Bild-Chefredakteur Reichelt schrieb Döpfner darin, er sei "der letzte und einzige Journalist in Deutschland", der noch mutig "gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat" aufbegehre, "fast alle anderen sind zu Propaganda-Assistenten geworden".

Mehrheit der Verleger schätzt Döpfner als Netzwerker - und schweigt

Kann dieser Mann mit diesen Ansichten noch als oberster Lobbyist die Anliegen der Verleger vertreten? An diese Frage wagte sich bei der Delegiertenversammlung Mitte Februar einzig Funke heran - und wurde dafür heftig kritisiert. Die Palastrevolte scheiterte, die Causa Döpfner blieb eine Randnotiz; vor allem, weil die Mehrheit der deutschen Verleger Döpfner als gewieften Netzwerker schätzt und lieber schweigend im Windschatten des Springer-Hochhauses verharrte, als sich selbst in den Sturm zu stellen.

Valdo Lehari, Verleger des Reutlinger General-Anzeigers und einer von Döpfners Vizepräsidenten im BDZV, hatte als Sitzungsleiter gar mahnend darauf verwiesen, "dass es gelebte Tradition ist, interne Angelegenheiten der Mitgliedsverlage nicht zum Gegenstand von Verbandsdiskussionen zu machen". Gemeint war: Was Mathias Döpfner bei Springer tut, soll die Verbandsmitglieder gefälligst nicht kümmern. Döpfner selbst habe die Vorwürfe der Financial Times obendrein auch abgestritten. Ende der Diskussion? Keineswegs.

Madsacks Geschäftsführer Thomas Düffert jedenfalls wollte nicht unbekümmert an Döpfners Seite als Vize weitermachen und trat überraschend von seinem Ehrenamt zurück. In einem Erklärungsschreiben deutete er einen Vertrauensverlust an. Funke forderte kurz darauf sehr deutlich Döpfners Rücktritt. In seinem Statement drohte der Verlag erstmals auch öffentlich mit einem Austritt, wenn sich nichts ändere.

"Der letzte Antrag der Vize-Präsidenten war in seiner gönnerhaften Tonality zu viel."

Vor wenigen Tagen traf dann ein ungewöhnlicher Brief am Jakob-Funke-Platz 1 in Essen ein: Döpfners drei noch verbliebene getreue Stellvertreter machten Funke-Verlegerin Julia Becker ein zweifelhaftes Angebot. Sie selbst könne doch den nunmehr frisch freigewordenen Vize-Posten unter Döpfner einnehmen, schrieben Christian DuMont Schütte (u.a. Kölner Stadt-Anzeiger), Jan Dirk Elstermann ( Neue Osnabrücker Zeitung) und Valdo Lehari ( Reutlinger General-Anzeiger). Der Brief war Machtspiel und Ausdruck des Spotts zugleich. Funke hatte in einem Strategiepapier Vorschläge für eine Reform des Verbands unterbreitet. Nun, so schrieben die drei Vizepräsidenten unverhohlen hämisch an Becker, "wäre es für Sie die beste Gelegenheit, den Worten nunmehr durch Ihre persönliche Mitwirkung konkrete Taten folgen zu lassen".

In Essen reagierte man entsprechend erzürnt. "Der letzte Antrag der Vize-Präsidenten war in seiner gönnerhaften Tonality zu viel", sagt ein Funke-Sprecher auf SZ-Nachfrage. Die schriftliche Antwort an DuMont Schütte, Elstermann und Lehari ist anderthalb Seiten lang und liegt der SZ vor. Geschäftsführer Rüth, der an Beckers Stelle antwortet, schreibt bezugnehmend auf die Debatte der vergangenen Wochen von einer "unnötigen Schärfe" und einer "Richtung, die von vielem zeugte, nur nicht von Offenheit für einen notwendigen Wandel". Becker lehne das Angebot der Vize-Präsidentschaft "dankend ab". "Zudem werden wir nun unsere Mitgliedschaft im BDZV zum 30. Juni 2022 fristwahrend kündigen", schreibt Rüth.

Funke lässt sich kleine Hintertür beim Austritt offen

Für den BDZV, der immerhin die größte Lobbyorganisation der deutschen Tagespresse ist, bedeutet der Austritt auch deutliche finanzielle Einbußen: Die Mitgliedsbeiträge bemessen sich an der Auflagenstärke - und Funke gehört mit seinen zwölf Regionalzeitungen zu den größten Beitragszahlern, denen auch innerhalb des Verbands eine besondere Stellung zukommt.

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Noch aber hat sich Funke eine winzige Hintertür offengelassen: Trotz der Austrittserklärung halte man "einen modernen, schlagkräftigen und vor allem glaubwürdigen Verband für wichtiger denn je", heißt es in dem Schreiben. Deshalb wolle sich Funke auch weiterhin - "solange wir Mitglied sind" - für die Reform des BDZV einsetzen. De facto wird das gemäß der Satzung mindestens bis Ende des Jahres noch der Fall sein, auch wenn die Kündigung bereits fristgerecht sechs Monate zuvor eingehen muss.

"Noch hoffen wir darauf, dass sich der BDZV endlich in die richtige Richtung zu bewegen beginnt", schreibt Rüth. Und er betont abschließend: "Wir wollen den Spekulationen um das Machtgerangel im BDZV ein klares Signal entgegensetzen und das Augenmerk auf den Kern unserer Diskussion lenken: die Werte, für die wir als Branche im Journalismus und im Umgang mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stehen und stehen wollen." Bei der angestrebten Reform gehe es insofern "nicht nur um strukturelle, sondern auch um kulturelle Fragen".

Der Geschäftsführer erklärt in dem Schreiben, dass er "im vollen Einverständnis" mit den Funke-Eigentümern argumentiere. Aber Verlegerin Julia Becker möchte sich selbst vorerst nicht äußern, wie ein Sprecher auf SZ-Anfrage mitteilt.

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