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Bambi-Verleihung:Unter Wahnsinns-Hasen

Udo Lindenberg, Champagner und Flüchtlingsleid: Die Gala des Burda-Medienpreises bietet wie jedes Jahr zotige Witze - aber auch einen berührenden Moment.

Als der Mann, der gleich als erfolgreichster Musiker Deutschlands ausgezeichnet werden wird, mit seiner Limousine vorfährt, beginnen die Teenies zu kreischen und zu winken. Die stehen schon seit Stunden an den Absperrungen. Jetzt wollen sie endlich ein Selfie mit ihrem Star machen. So weit, so normal. Ungewöhnlich ist nur, wer das Teenie-Idol ist: Udo Lindenberg, 70. Auch sonst sieht es bei der diesjährigen Bambi-Verleihung oft aus wie im Übergangsteam von Donald Trump: sehr viele Herren, denen die Lebenserfahrung ins Gesicht geschrieben steht. Wie der britische Musiker Sting, 65, der Lindenberg seinen Preis mit den Worten überreicht: "Udo, du hast dem Wort Jugendkultur einen neuen Sinn gegeben."

Junge Frauen kommen an diesem Abend auch vor, allerdings treten sie entweder als halbnackte Background-Tänzerinnen auf, sind als Beautybloggerin geladen wie Bianca "Bibi" Heinicke oder einfach nur als Trophy Wife, so wie die Tennisspielerin Ana Ivanović, seit Sommer verehelicht mit Bastian Schweinsteiger. Der Skirennläufer Felix Neureuther erwähnt sie in der Laudatio auf Schweinsteiger, der den Ehrenpreis der Jury bekommt, folgendermaßen: "Er hat einen Wahnsinns-Hasen geheiratet."

Einer Reporterin gehen die Superlative aus; sie googelt Synonyme für "atemberaubend"

Berlin am Donnerstagabend, die Bambis werden verliehen. Die 68. Ausgabe des Medienpreises beginnt so, wie die 67. begonnen hat und vermutlich auch die 82. und die 90. beginnen werden. Roter Teppich auf dem Potsdamer Platz, ein riesiges goldenes Reh glänzt im Scheinwerferlicht. Nach und nach trifft in strömendem Regen das Stammpersonal der deutschen Fernsehunterhaltung ein, Uschi Glas, Mario Adorf, Kai Pflaume, Maria Furtwängler, Thomas Gottschalk, Florian Silbereisen, Helene Fischer. Dazwischen rasen die Journalistinnen des Burda-Konzerns mit Smartphones und Laptops herum und tickern, twittern und livebloggen im Sekundentakt über die Veranstaltung, die ihr Arbeitgeber Jahr für Jahr ausrichtet. Einer Reporterin gehen schon nach zehn Minuten die Superlative aus, also googelt sie nach Synonymen für "toll", "faszinierend" und "atemberaubend".

Und da ist da noch die Moderatorin Barbara Schöneberger. Sie lässt sich vom Sänger Robbie Williams ans Dekolleté gehen, greift dann zum Standmikrofon und sagt: "Robbie hat mir seinen Ständer dagelassen." Für diese Art von zotiger Altbackenheit wird die Veranstaltung, die auch 2016 wieder mit all ihren Längen im Fernsehen zu sehen war, seit Jahren verspottet. In Zeiten von Donald Trump und Co. wirkt das allerdings seltsam aktuell.

So berät sich an diesem Abend nur wenige S-Bahn-Stationen entfernt Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem scheidenden amerikanischen Präsidenten Barack Obama darüber, wie es weitergehen soll in Europa. Dementsprechend ernsthaft gibt man sich im Berliner Stage-Theater. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler mahnt christliche Werte als Fundament Europas an. Der Schauspieler Oliver Masucci, der im Film Er ist wieder da als Hitler-Wiedergänger durch Deutschland fuhr und dabei nicht unwillkommen war, sagt, dass ihm "die braune Soße, die sich über Europa ergießt", Sorgen mache. Es erschrecke ihn, "wie viele Leute es gibt, die bereit sind, die Demokratie über den Haufen zu werfen".

Als man dann nach zweieinhalb Stunden denkt, jetzt kann es eigentlich nicht mehr staatstragender werden, denn alle Herren zwischen 56 (Jogi Löw, Integrations-Bambi) und 86 (Mario Adorf, Lebenswerk) haben inzwischen ein goldenes Reh, da wird verkündet, wer in der Kategorie "Millennium" gewonnen hat: der Papst. Der kommt allerdings nicht persönlich, im Einspielfilm sieht man, wie Franziskus bei einer Audienz in Rom den Bambi entgegennimmt. Dann bittet er alle Anwesenden, den Segen Gottes mitzunehmen und weiterzugeben.

Und dann gibt es noch einen berührenden Moment. Die junge Frau, die dem Papst den Preis in Rom überreichen durfte, ist die 18-jährige Yusra Mardini. In Berlin wird sie dann selbst auf die Bühne gerufen und gemeinsam mit ihrer Schwester Sara als "stille Heldin" ausgezeichnet. Die beiden Mädchen sind Schwimmerinnen aus Damaskus, 2015 mussten sie mit einem Schlauchboot über das Meer flüchten. Als Wasser in das Boot lief und dieses zu kentern drohte, sprangen die beiden ins Meer und hielten das Boot mehrere Stunden über Wasser. Und so stehen die Schwestern vor der versammelten deutschen Showbranche, die sich gleich nebenan zwischen Magnumflaschen Laurent-Perrier die Kante geben wird, und sagen ganz einfach nur: "Damals hätten wir nicht gedacht, dass wir jetzt hier stehen würden."

© SZ vom 19.11.2016

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