Sky-Serie "Avenue 5":Animateur am Steuer

Avenue 5

Ein Bild von einem Raumschiff-Kapitän, wie gemacht für das Krisenmanagement eines irregleiteten Flugs. Leider ist Ryan Clark (Hugh Laurie) ein Schauspieler, der auf der Avenue 5 nur als ahnungsloser Posterboy engagiert ist.

(Foto: HBO)

Hugh Laurie spielt in der Science-Fiction-Serie ein Bild von einem Raumschiffkapitän, der exzentrische Weltalltouristen zum Saturn schippern muss. Da ist nur ein Problem: Von seinem Job hat er keine Ahnung.

Von Luise Checchin

Spätestens seit David Foster Wallaces Text "Shipping Out" 1996 im Harper's Magazine erschien, kann niemand mehr behaupten, er wüsste nicht, welche Schrecken das Kreuzfahrtwesen bereithält. Foster Wallace verarbeitete in dem Essay (auf Deutsch nachzulesen unter dem Titel "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich") so witzig wie abgründig seine einwöchige Höllentour durch die Karibik, voller verordneter guter Laune und Mitternachtsbuffets. In gewisser Weise könnte man die Comedy-Serie Avenue 5 als filmische Weiterentwicklung dieses Erfahrungsberichts ansehen, nur dass die Lobster-fanatische Reisemeute hier nicht durch das Karibische Meer, sondern durch den Weltraum schippert.

Avenue 5 spielt in der mittelnahen Zukunft, der Weltraumtourismus floriert, und der schnittige Kapitän Ryan Clark (gespielt von Hugh Laurie) soll das titelgebende Kreuzfahrt-Raumschiff auf einer Reise um den Saturn begleiten. Das Problem an der Sache: Clark ist ein Schauspieler mit einem Alkoholproblem und ohne die leiseste Ahnung von Raumfahrt. Der richtige Kapitän hatte ihn angeheuert, damit er als Posterboy die Gäste bei Laune hält. Dummerweise stirbt dieser Kapitän in den ersten Minuten der ersten Folge bei einem Unfall, der auch noch zur Folge hat, dass die Avenue 5 von ihrer Bahn abkommt und für den Nachhauseweg zur Erde nicht acht Wochen, sondern drei Jahre braucht. Und so bildet Clark nun eine Schicksalsgemeinschaft mit Hunderten unzufriedenen Gästen, unfähigen Mitarbeitern und dem Multimilliardär Herman Judd (Josh Bad), Besitzer der Avenue 5 und ein bräsiger wie selbstverliebter Pionier der Weltraumtourismusindustrie.

Der Irrsinn des Kreuzfahrtwesens ist eher das Hintergrundrauschen der Serie. Im Vordergrund steht das katastrophale Katastrophenmanagement der Besatzung, am allerschönsten verkörpert durch Zach Woods als nihilistischen Chef des Passagier-Services. Wie witzig es zugeht, wenn Chaos auf Inkompetenz trifft, hat Avenue-5-Erfinder Armando Iannucci schon bei der Serie Veep bewiesen, in der Julia Louis-Dreyfus als ewige amerikanische Vizepräsidentin eine großartige Parodie auf den US-Politikbetrieb ablieferte. Doch trotz der durchweg tollen Darsteller und wirklich witzigen Sprüche ("ein Problem ist nur eine Lösung ohne die Lösung", philosophiert Judds Assistentin einmal), hat die Serie ein Problem: Es fehlt Avenue 5 an Relevanz.

Die feine Verzweiflung über die Verwerfungen des Kapitalismus, die Foster Wallaces Text durchzog, taucht hier höchstens peripher auf. Und die Kreuzfahrtindustrie bietet ansonsten doch weniger satirische Angriffsfläche als die US-Politik. So ähnelt die Serie dem Stoff, den sie parodieren will: Wie eine Kreuzfahrt ist sie wahnsinnig unterhaltsam, aber irgendwie auch etwas schal.

Avenue 5, läuft auf Apple iTunes*, Maxdome Store*, Amazon* und Google Play Movies*

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© SZ vom 21.01.2020
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