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Auslandskorrespondent:Abschied in China

Johnny Erling kam nach China, als Mao Zedong noch lebte. In seinen Jahrzehnten als Korrespondent dort hat er den rasanten Wandel des Landes so nah erlebt wie kaum ein anderer. Jetzt geht er in den Ruhestand.

(Foto: privat)

Alte Hasen gibt es einige in Peking, aber mit Johnny Erling ging es ihnen allen wie in der Fabel vom Hasen und dem Igel: Egal, wo man hinkam, er war immer schon da. Nun geht der legendäre Korrespondent in den Ruhestand.

Gerade haben sie wieder in Peking getagt, die Granden der Kommunistischen Partei, verschwiegen wie ein Geheimbund. Bis vor ein paar Tagen ahnte man nicht einmal, dass das Treffen jetzt und hier stattfinden würde. Wobei, einer wusste es: Johnny Erling, 67, Korrespondent der Welt und des Wiener Standards.

Johnny Erling weiß immer alles. Immer schon alles gelesen. Immer schon mit allen gesprochen. Vor allen anderen. Alte Hasen gibt es einige in Peking, aber mit Erling ging es ihnen allen wie in der Fabel vom Hasen und dem Igel: Egal, wo man hinkam, er war immer schon da.

Diese Woche nun geht Erling in Rente und zieht zurück nach Deutschland. Man wird ihn dann nicht mehr in seinem Büro im Pekinger Diplomatenviertel antreffen, zwischen Aktenstapeln, alten Ausgaben der Volkszeitung und angestaubten Parteichroniken. Literaturwissenschaftler sprechen von "Writer's Writers": Autoren, die von Kollegen außerordentlich geschätzt werden. Johnny Erling war ein China-Korrespondent für China-Korrespondenten.

Im September 1975 kam er als Student nach Peking. Da war noch Kulturrevolution. Er hat alles erlebt: Mao Zedongs Tod, dann die Öffnung Chinas, den sagenhaften Aufstieg. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989. Am Tag danach recherchierte er in Krankenhäusern der Stadt, wie viele Menschen in der Nacht ermordet worden waren. Anfang der Neunzigerjahre nahm er einmal eine China-Auszeit, die Welt schickte ihn nach Hannover, um über den frühen Gerhard Schröder zu berichten.

Hannover. Gerhard Schröder. Fünf Jahre hielt er durch, dann zog er als Entwicklungshelfer nach Wuhan, einen versmogten Industriemoloch am Jangtse. Dort ging er in die Geschichtsbücher ein als der Mann, der die Giraffen nach Wuhan brachte. "Die ersten Giraffen in Wuhan in 5000 Jahren chinesischer Geschichte", wie die Parteiblätter jubelten. Erling hatte zwei Junggiraffen aus dem Duisburger Zoo vermittelt. Aber ihn drängte es zurück zum Journalismus nach Peking.

Seit 1998 hat er keinen Volkskongress verpasst, die jährliche Tagung des chinesischen Scheinparlaments. Aufgeregt war er jedes Mal. Am Eröffnungstag fuhr er meist schon gegen 6:30 Uhr zur Großen Halle des Volkes. Sein erster Gang am Morgen führte ihn stets zum Zeitungskiosk direkt vor dem Büro. Mit mehreren Kilogramm feinster Propaganda kam er dann zurück. Punkt 19 Uhr schaltete er den Fernseher ein, er verfolgte die Abendnachrichten des Staatsfernsehens aufmerksamer als mancher Parteikader.

Die vergangenen knapp 20 Jahre war er Untermieter im ARD-Studio in Peking. Eigentlich hätte der Sender ihm eine Ausbildungspauschale zahlen müssen: Generationen von Fernseh- und Radiokorrespondenten eilten regelmäßig in sein Eckbüro, um ihn nach Rat zu fragen. Er las Manuskripte gegen und erklärte ausdauernd, wie dieses sonderbare Land funktioniert.

Ganz selten, dass man ihn einmal nicht antraf. Zum Beispiel in der ersten Augustwoche. Dann war Erling mit seiner Frau und Mitarbeiterin Zhao Yuanhong in den Ferien. In Beidaihe, einem Badeort am Golf von Bohai. Jedes Jahr machen hier Chinas Spitzenkader zusammen Urlaub. Wenn sie anreisten, war einer immer schon da: Johnny Erling. Ein China ohne ihn? Kaum vorstellbar. Eher möchte man sich ein China ohne KP vorstellen.