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Mini-Serie "Ausgebremst":Beate, die Seelsorgerin

Serie: Ausgebremst

Wird zur Seelsorgerin wider Willen: Maria Furtwängler in der Kurzfilmreihe "Ausgebremst".

(Foto: © 2020 Turner Broadcasting Syst)

"Ausgebremst" zeigt, was Fernsehen trotz schwieriger Drehs in der Coronazeit leisten kann. Und Mit-Initiatorin Maria Furtwängler überzeugt als lebensmüde Chefin einer Fahrschule.

Von Hans Hoff

Für die fünfteilige Kurzfilmreihe Ausgebremst, die der Bezahlkanal TNT ab Dienstag sukzessive in die handelsüblichen Social-Media-Kanäle einspeist und am 14. Juni komplett auf seinen drei Sendern zeigt, starteten die Dreharbeiten am 14. Mai, also vor nicht einmal vier Wochen. Trotzdem sind die Filme der Reihe keine billigen Schnellschüsse. Sie glänzen als höchst einfallsreiches, mit viel Liebe und Engagement gestaltetes Fernsehen und zeigen, was man mit dem Medium machen kann - wenn man nur will und kann.

Da sieht man in der ersten Folge Maria Furtwängler als lebensmüde Fahrschulchefin Beate in einem Fahrsimulator hocken. Das Ding hat ihr Mann angeschafft, der gerade mit einer Jüngeren durchgebrannt ist. Nun hat Maria Schlaftabletten genommen, sieht schwer verheult aus, doch auf einmal spricht der Fahrsimulator mit ihr. Durch eine Fehlschaltung im System werden Videoanrufe zu ihr durchgestellt, die für die Telefonseelsorge gedacht waren. Es entspinnen sich skurrile Gespräche und eröffnen sich Einblicke in seltsame Lebenssituationen.

Da ist die Mutter, die von ihrem videospielsüchtigen Sohn ausgesperrt wurde. Da ist der Verschwörungstheoretiker, der mit dem übersinnlich anmutenden Verhalten seiner Katze nicht klarkommt. Und da ist die Stuntfrau, die genauso des Lebens überdrüssig ist wie Beate. Letztere muss reagieren auf all diese Typen, sie muss raus aus ihrer Rolle der Verlassenen. Plötzlich ist sie also gefragt als Zuhörerin und Beraterin.

Die Dreharbeiten waren natürlich nicht gerade einfach

Begonnen hat das ganze Ausgebremst-Projekt Ende März, als alle Räder im Lande stillstanden, auch die in der Filmbranche. Da rief Furtwängler die TNT-Redaktionsleiterin Anke Greifeneder an und sagte, man müsse doch was machen in dieser Zeit, da niemand etwas machen kann. Die Idee mit der Telefonseelsorgerin wider Willen kam auf. "Jeder hat ins Telefonbuch geguckt und überlegt, wen man für das Projekt aktivieren könnte", sagt Greifeneder.

Schnell hatten sie eine beachtliche Truppe zusammengetrommelt. Ulrike Folkerts, Monika Gruber, Annette Frier, Sabin Tambrea und Maren Kroymann wollten neben vielen anderen Kollegen mitmachen und sich in den Dienst einer guten Sache stellen. Es wurde klar, dass es ein Projekt werden sollte, dessen Erlöse denen zugute kommen, die es gerade sehr schwer haben. Die Aktion Kunstnothilfe wurde ausersehen, Überschüsse und Spenden entgegenzunehmen und zu verteilen. Auf Autorenseite sagten spontan Annette Hess (Weissensee), Sebastian Colley (Kroymann) und Ralf Husmann (Stromberg) zu. Die Regie übernahm Lutz Heineking jr.

Natürlich war es kompliziert zu drehen, weil man die Schauspieler nicht an einem Ort zusammenbringen konnte. So stand Annette Frier im Garten des 20 Meter weiter in sicherer Entfernung agierenden Regisseurs in Köln-Nippes und war per Schalte mit der in München im Fahrsimulator hockenden Maria Furtwängler verbunden. Der Sohn, der die von Frier gespielte Mutter ausgesperrt hatte, spielte seinen Part derweil aus Berlin zu. "Einen digitalen Chaos-Corona-Nachmittag mit viel (leicht versetztem) heiterem Unfug und der Hoffnung, dass am Ende drei Euro für Kollegen in Not übrig bleiben", beschreibt Frier ihre Eindrücke auf eine Whatsapp-Anfrage.

Einiges, was Redaktionen im Vorlauf wohl rausgestrichen hätten, blieb. Das ist kein Nachteil

Da lief einiges nicht so wie bei Produktionen üblich. Aber letztlich sind die Beteiligten schwer begeistert von dem, was sie da zusammenbekommen haben. Greifeneder, bei der viele Fäden zusammenliefen, bringt gar einen Vergleich aus der Musik, den sie sich von Furtwängler ausgeliehen hat. "Das fühlte sich, wie Maria treffend sagte, an wie eine Jam-Session", sagt sie.

So einiges, was übereifrige Redakteure bei langem Vorlauf wohl rausgestrichen hätten, ist nun zu vernehmen und sorgt für zusätzliche Erfrischung in einem ohnehin schon prickelnden Setting: Wenn Monika Gruber sich beklagt, dass ihr Mann sie gerne in Latex sieht, weil er sonst sein "Pfeiferl" nicht hochbekommt, dann hat das in seiner Atemlosigkeit etwas sehr Komisches. Und wenn Fahrlehrerin Beate einen aus seiner Band geworfenen Punk trösten will, liefert sie auch eine hübsche Erkenntnis zu seiner mentalen Einfalt. "Deine Synapsen, die haben es nicht so leicht miteinander", sagt sie, und das Gesicht des Punks spricht Bände dazu.

Überhaupt ist Furtwängler ein großer Gewinn in diesen fünf Zehnminütern. Kennt man sie nur als die taffe, Kommissarin oder als vom Schicksal gebeutelte Frau, so fügt sie ihrem Repertoire hier eine spezielle Facette hinzu. So derangiert, so verheult und verknautscht sah man sie noch nie. Sie transpiriert eine gewisse Billigkeit, die sofort Verständnis weckt für den Ehemann, der laufen gegangen ist. "Wir wollten sie mal ganz, ganz anders zeigen, und sie hatte große Lust darauf", schwärmt Greifeneder von der Verwandlung der Hauptdarstellerin. Am Ende der ersten Folge ist dann auch Charles Aznavour musikalisch beteiligt. "Du lässt dich geh'n" singt er - einen besseren Kommentar hätte man sich für Beate nicht wünschen können.

Ausgebremst, ab Dienstag jeden Tag eine Folge bei Youtube, Facebook, Instagram, am 14. Juni alle fünf Folgen zeitgleich bei TNT Comedy, TNT Serie und TNT Film, 19.10 Uhr.

© SZ vom 08.06.2020/tmh
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