Schroffe Felsen und noch schrofferer Wind. Das Meer ist nicht seicht, der Himmel nicht strahlend: Das Wetter an der neuseeländischen Küste scheint Pennys Gefühle spiegeln zu wollen. Es ist eine im deutschen Fernsehen eher selten zu beobachtende Kulisse, die nicht nur für zerzauste Haare, sondern auch für eine zerzauste Moral steht.
Pennys Gesicht ist gebräunt und von Falten gezeichnet, lachenden und sorgenden. Sie trinkt Whiskey aus einer geblümten Teetasse, und sagt resigniert: „Ich bin der wütendste Mensch der Welt.“ Ihr Ex-Mann Phil ist zurück. Jahre zuvor hatte sie auf seiner Geburtstagsparty beobachtet, wie er Ollie übers Gesicht strich. Ollie war 14 Jahre alt und in einem Surf-Team, das Phil trainierte. Ollie hatte auf der Party zu viel getrunken, musste sich übergeben. Phil kümmerte sich um ihn. Als Penny ins Zimmer kommt, liegen die beiden einander gegenüber im Bett, der Junge, nur mit einem Handtuch bekleidet, wirkt weggetreten. Penny sieht nur eine kleine Berührung. War sie fürsorglich? Oder doch sexuell motiviert?
Penny trinkt, wird aggressiv, lässt sich jedoch nicht beirren
Irgendwann ist sie sich sicher: Ihr eigener Ehemann missbraucht diesen Jungen. Sie hat weitere Indizien. Eine Jungenunterhose. Zahlreiche Ausflüge und Sportkurse, die er mit Jungs machte. Sie hat keine Beweise. Dennoch konfrontiert sie ihren Mann vor der versammelten Partygesellschaft. Sie trennen sich, er zieht weg.
Fünf Jahre später ist er zurück. Die gemeinsame Tochter Grace ist nun auch Mutter, lebt inzwischen bei ihrer Großmutter, die jedoch dann wegen ihres Gesundheitszustandes ins Heim zieht. Die Familie ist, wenn man es freundlich ausdrücken will, distanziert. Grace hat ihrer Mutter nie verziehen, dass sie ihren Vater beschuldigt hat. Sie glaubt ihr nicht. Nur wenige tun es.
„After The Party“ lockt die Zuschauenden in die moralische Falle: Ist auf Pennys Gefühl Verlass? Oder führt sie eine Vendetta gegen ihren Ex-Mann? Aber Penny ist weiterhin von der Schuld ihres Ex-Mannes überzeugt. Es lässt sie nicht los.
Die sechs Folgen zeigen größtenteils, so viel sei verraten, nicht viel mehr als Symptome dieser Distanz und Wut. Penny spioniert, allerdings ohne große Erfolge. Penny bedrängt Ollie, auch das ohne Erfolg. Penny trinkt und wird aggressiv, hat Sex mit dem Mann ihrer Freundin, wird von ihrem Job als Lehrerin suspendiert, entführt sogar ihren Enkel. Kurz: Penny handelt aus für sie selbst plausiblen und drängenden Gründen, sie will die Kinder vor ihrem Mann schützen, doch ihr wie sorgt für angespanntes Seufzen.
Regisseur Peter Salmon zeichnet in „After the Party“ eine verzweifelte Familie, eine Situation ohne Ausweg und eine Frau, deren Gerechtigkeitssinn so stark ist, dass sie ihr eigenes Wohl hintanstellt. Sie ignoriert das Klingeln in ihren Ohren. Sie wirft aus Frust ihr Fahrrad über die Brüstung auf die Felsen, sie schreit ins Kissen.
Schauspielerin Robyn Malcolm gestaltet Pennys Charakter in feinen Nuancen. Mit jeder Regung in ihrem wettergegerbten Gesicht lässt sie die Zuschauenden sie erst bewundern, dann infrage stellen und schließlich bemitleiden. „After the Party“ ist weniger ein spannender Thriller als ein bewegendes Drama, in dem auch die kleinen Fältchen gesehen werden dürfen.
„After the Party“, sechs Folgen, in der Arte-Mediathek.


