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Arte-Dokumentation:Zwischen Überzeugung, Mitläufertum und Widerstand

Zwei Jahre hat sich der Filmemacher Thomas Dandois um den Kontakt zu den Frauen bemüht, die sich nach dem Sturz der Dschihadisten verstecken. Foto: Arte

(Foto: PR Arte)
  • Für "Die Frauen der Terrormiliz" hat der Dokumentarfilmer Thomas Dandois zehn "IS"-Frauen aufgespürt.
  • Viele der Frauen haben Furchtbares erlebt, einige aber auch Furchtbares getan.
  • Die Arte-Dokumentation zeigt auch, dass der sogenannte Islamische Staat noch lange kein abgeschlossenes Kapitel ist.

Dass der Islamische Staat sich durch Grausamkeit und Frauenverachtung auszeichnet, ist ja so erst mal nichts Neues. Interessant ist dagegen eher, wie korrupt die Steinzeitkrieger waren, damals, als sie noch einen eigenen Staat hatten und viele - nicht nur in ihren Reihen - glaubten, das bleibe nun erst mal so. In Städten wie dem syrischen Raqqa oder dem irakischen Mossul nämlich zwangen sie den Frauen nicht nur Augen und Hände bedeckende Kleidung auf. Sie nötigten jenen, die wegen Garderobevergehen ins Gefängnis geschleppt wurden, ihre eigenen Fabrikate auf, Abaja und Schleier aus IS-Beständen, ein bisschen weniger glänzend vielleicht und damit in der bizarren IS-Logik noch etwas islamischer, jedenfalls aber zu stolzen Preisen.

Gemessen daran, dass andere Frauen vor der Wahl standen, einen IS-Kommandeur zu heiraten oder im Gefängnis zu bleiben, war das ein Nebenaspekt der Unterdrückung. Umso bemerkenswerter, dass die Frauen der Terrormiliz, wie die Dokumentation von Thomas Dandois heißt, sich an solche entlarvenden Details erinnern.

Zwei Jahre hat sich der Filmemacher für Arte in Kooperation mit dem Nachrichtensender Al Jazeera um den Kontakt zu diesen Frauen bemüht, fand sie nach dem Abzug der Terroristen in Raqqa und Mossul, in irakischen Flüchtlingslagern und in der Türkei: Aischa und Omm Faruk, die den Folterbrigaden des IS angehörten und Frauen - Schwangere, Gebärende, Stumme - quälten, weil sie irgendetwas nicht verhüllten oder wegen sonstiger Kinkerlitzchen. Die Friseurin Atjaat Talat, die, als ihr Salon in Mossul ausgeraubt und geschlossen wurde, Frauen heimlich frisierte, ihnen Schönheit, Würde, Individualität gab. Die nur aus Liebe zu ihrem Mann unter dem IS lebte - und ihn dann doch verlor.

Alle haben Furchtbares erlebt, einige Furchtbares getan. Ihre Berichte zeigen die gesamte Bandbreite menschlicher Reaktionen von ideologischer Überzeugung über Mitläufertum bis zum Widerstand, wie sie Terrorregimes immer und zu allen Zeiten hervorbringen - sei es bei Männern oder bei Frauen. Dem Westen mag der IS als historischer Atavismus erscheinen. Aber die Schilderungen des institutionellen Sadismus und der technisch gestützten Paranoia, der Überraschungsbesuche in Wohnungen, der Kameras auf den Straßen, erinnern daran, in welcher Kontinuität der IS operiert. Iraks Saddam oder Syriens Assad waren die Paten dieser Herrschaftsweise. Der IS konnte auf eine reiche Tradition zurückgreifen.

Heute verstecken sich die Frauen, die Kollaborateurinnen bereuen bitter: Der IS sei wie eine Seuche, leider habe sie sich angesteckt, sagt eine. Dass nur andere Frauen nicht auf den IS hereinfallen, hofft eine andere. Und Omm Faruk betet: "Gott allein wird richten." Dass der IS fort ist und doch noch da, zeigt in dieser bemerkenswerten Dokumentation eine Szene, in der die Filmemacher hinausgeworfen werden. Eine junge Mutter in Raqqa spricht frei vor der Kamera, als ein Verwandter eintritt, ein Bruder, ein Onkel, es wird nicht klar. Wer den Filmemachern zu drehen erlaubt habe? Was der Frau einfalle? Sie versucht, sich zu behaupten, es sei doch nichts dabei, wird geschlagen, der Niqab verrutscht, sie verstummt. Ob ihre Familie nicht will, dass eine Frau vor der Kamera spricht oder den IS noch immer fürchtet, bleibt offen. Schwer zu sagen, was bedrückender wäre.

Die Frauen der Terrormiliz , Arte, Dienstag, 20.15 Uhr.

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