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Arte-Doku "Mit dem Zug nach ... Bolivien":Ein Zug in die Belämmertheit

Arte-Doku "Mit dem Zug durch ... Bolivien"

Die Waggons schaukeln, und die Kamera schaukelt mit. Das wackelnde Bild ist bei Zug-Dokus kein Manko, sondern ein Muss.

(Foto: © SWR)

Bei Zug-Dokus gilt das Gebot der Gemächlichkeit. Wer lange genug mitfährt, erreicht einen Zustand der vollkommenen geistigen Leere. Abfahrt!

Wie eine nimmersatte Raupe frisst sich die Lok durch die Landschaft, verschlingt Panorama um Panorama. Bahnhof mit Güterwaggons. Savanne. Steinbrücke. Savanne mit vereinzelten Staubfeldern. Wilde Lamas. Und wieder Bahnhof, diesmal mit Wellblech-Bahnhofshäuschen. Je satter die Raupe wird, desto matter wird der Zuschauer am Bildschirm.

Statt "schneller, lauter, extremer" gilt bei Zug-Dokus das Gebot der Gemächlichkeit. Diese heißt Mit dem Zug durch ... Bolivien und in einer der ersten Szenen trottet ein Esel mit Reiter die staubigen Schienen entlang. Das Reisegefühl auf dem Rücken des Tiers dürfte ein ähnliches sein wie im Expreso Oriental, der zwischen Quijarro ganz im Osten Boliviens und Santa Cruz im Landesinneren verkehrt. Die rot-weißen Waggons schaukeln, und die Kamera schaukelt mit.

Das wackelnde Bild, das hier durch die flimmernde Hitze vor dem Zugfenster verstärkt wird, gehört zum Genre wie der Blick vorne aus der Lokomotive. Wer nur lange genug mitfährt, erreicht einen wunderbar entspannenden Zustand der Belämmertheit. Insofern ähneln Zug-Dokus ASMR-Videos, die ja im besten Fall auch in die vollkommene geistige Leere führen.

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"Eisenbahnfahren ist eine Frage des Gefühls, des Herzens"

Und natürlich ist die Nähe zum Slow TV da, jener Form des Fernsehens, die - nach gängigen Nachrichtenregeln - Nicht-Ereignisse unkommentiert beobachtet. Wie eine Marathon-Strick-Veranstaltung oder eine Lachswanderung. Oder eben eine Zugfahrt. Wobei der Bolivianer lieber Fernbus fährt als Zug. Weil das Straßennetz besser ausgebaut ist als das Schienennetz. Weil Busse schneller sind als Züge, und billiger dazu. Und weil die Bahn in Bolivien "notorisch unpünktlich" ist, wie die sonore Offstimme erklärt.

Trotzdem geht es in diesem Film nicht um Busse. Arte nimmt mit der Bolivien-Ausgabe seine Reihe Mit dem Zug durch ... wieder auf. Das Prädikat "erfolgreich" liegt nahe - und das, obwohl sich die klassische Zug-Doku sämtlichen Erzählregeln des modernen Fernsehens widersetzt. "Eisenbahnfahren ist hier eine Frage des Gefühls, des Herzens", erklärt der Bolivianer Juan Carlos. Zwölf Stunden dauert die planmäßige Fahrt von Quijarro nach Santa Cruz. Am Ende braucht die rot-weiße Raupe für die 600 Kilometer 17 Stunden.

"Selbst die Wachhunde wissen um die verspätete Ankunft", sagt die Offstimme. Zu sehen sind zwei im Zwinger dösende Hunde. Klar, ein informierter Erzähler gehört zur Zug-Doku wie das gellende Pfeifen eines herannahenden Zuges. Doch im besten Fall ist der Erzähler Hypnotiseur, seine Stimme wird eins mit dem Rauschen des Zuges. Und seine Erklärungen trägt er so sanft vor wie seinerzeit Bob Ross seine Malanleitungen. Nicht so in diesem Fall: Der Herr aus dem Off doziert über Sehenswürdigkeiten und landestypische Besonderheiten - und die Kamera verlässt allzu oft die Schiene.

Die Jesuitensiedlung "San José de Chiquitos", die von Inkas besiedelte Isla del Sol, das Eisenbahnmuseum in Machacamarca. Gut, letzteres mag gerade noch durchgehen. Aber doch nicht diese vielen verstörenden Informationen, die die Trance jäh beendeen! Santa Cruz, die größte Stadt Boliviens, sei Dreh- und Angelpunkt des Schienenverkehrs, erklärt die Offstimme. Aber: "Die Eisenbahn verliert im Minutentakt an Bedeutung."

So entspannend wie Nachmittag neben einem hyperaktiven Kind

So ergeht es wohl auch der klassischen Zug-Doku, jüngere Formate versuchen mit schnellem Schnitt und schnelleren Zügen gegenzusteuern: Die US-Dokureihe Extreme Trains ist in etwa so entspannend wie Nachmittag neben einem hyperaktiven Kind. Mehr als eine Staffel gab es dann auch nicht - auf Arte rollen die Züge zumindest noch. Ganz gemächlich. Und im bolivianischen Hochland entdeckt der Zug-Doku-Fan sogar ein bis dato unbekanntes Fortbewegungsmittel: den Schienenbus. Der arbeitet sich auf Gleisen, die im 19. Jahrhundert für den Silberabbau genutzt wurden, durch die Berge.

Arte-Doku "Mit dem Zug durch ... Bolivien"

In der spektakulären Andenkulisse zwischen Sucre und Potosí bringt der Schienenbus Ferrocarril vor allem Einheimische zu den abgelegenen Dörfern.

(Foto: © SWR)

Beim Blick über die Schulter des Schienenbusfahrers fällt ein Emblem auf dem Lenkrad auf. "Der Stern von Untertürkheim leuchtet auch in den Hochanden", sagt die Offstimme. Doch wer jetzt meint, das sei der Anfang vom Ende der Entschleunigung, ein schwäbischer Autobauer in den bolivianischen Anden, der höre sich einmal das Lied "Auf der schwäb'sche Eisebahne" an. Trulla, trulla, trullala.

Mit dem Zug durch ... Bolivien, Montag, 19.30 Uhr, Arte