Arte-Doku "Kuba war das Bordell der USA"

Eine Insel wie eine Firma: Eine Dokumentation auf Arte zeigt, wie es um Kuba stand, bevor Castro 1959 dem Mafia-Spuk ein Ende setzte. Und liefert damit auch einen Ausblick darauf, wie die Zukunft Kubas nach dem revolutionären Regime aussehen könnte.

Von Sebastian Schoepp

Wie wird Kuba aussehen, wenn eines Tages das revolutionäre Regime der Castros nicht mehr ist? Sehr wahrscheinlich wie vor der Revolution.

Ein Oldtimer in der Altstadt von Havanna, in der noch der Stil der Kolonialzeit zu sehen ist. Vor der Revolution regierten hier Prostitution, Kokainhandel, Erpressung und eine profitable Unterhaltungsindustrie.

(Foto: REUTERS)

Auf was man sich da einzustellen hat, zeigt ein sehenswerte Dokumentation des Sender Arte mit dem Titel Das Mafia-Paradies. Bernhard Pfletschinger und Hans-Peter Weymar zeigen in ruhigen Bildern, dass die amerikanische Mafia um den Paten Meyer Lansky die Insel wie eine Firma führte. In den Kasinos wurde Geld gewaschen. Prostitution, Kokainhandel, Erpressung und eine profitable Unterhaltungsindustrie erzeugten einen lukrativen Mix, von dem der normale Amerikaner im Urlaub gerne profitierte. "Kuba war das Bordell der USA", sagt der Politologe Karl E. Meyer.

Zeitzeugen werden aufgeboten, eine Journalistin, ein ehemaliger Croupier, ein Widerstandskämpfer, ein distinguierter, betagter Schriftsteller im weißen Anzug namens Enrique Cirules, der in jahrzehntelanger Recherche Material in den Archiven Havannas über den "Mafia-Staat auf Kuba" gesammelt hat. Auf die heute sonst so beliebten nachgestellten Szenen verzichten die Autoren dankenswerter Weise fast ganz. Dafür werden historische Dokumente und Ausschnitte aus dem großen Gangsterfilmfundus über Kubas Mafia-Ära eingesetzt, um Schlüsselszenen atmosphärisch zu untermalen. Nach weiteren Kulissen musste man nicht lange suchen, schließlich prägen die architektonischen Hinterlassenschaften der Mafia rund um das Hotel Nacional noch heute die touristische Landschaft Havannas.

Hauptsache, dass der Kommunismus sich dort nicht ausbreitete

Nie liefen die Geschäfte der Mafia so gut wie vor der Revolution in Kuba", lautet die These des Films. Die Mafia habe versucht, sich in Kuba wie ein internatonaler Konzern zu benehmen, es gab sogar 1946 einen Mafia-Kongress, wo Geschäftsideen weiterentwickelt und Claims abgesteckt wurden. Die Regierung des Diktators Fulgencio Batista ließ sich nicht nur willfährig kaufen, sie besorgte auch noch die Drecksarbeit. Morden musste die Mafia nicht selbst auf Kuba, das erledigten Batistas Büttel, die jede Opposition blutig unterdrückten.

Die amerikanische Regierung ließ die Mafia gewähren, für Washington war die Hauptsache, dass der Kommunismus sich dort nicht ausbreitet. Und wie so oft passierte genau das, was die USA am meisten fürchteten. Während in Havanna der Gringo tanzte, keimte in den verarmten Landesteilen im Osten der Widerstand, in Zuckerrohrplantagen, Tabakfeldern und Nickelgruben, die US-Konzerne monopolisiert hatten. Um dem Elend zu entfliehen, blieb der Landbevölkerung nichts anderes übrig als sich im sündigen Havanna zu prostituieren. Die sozialen Spannungen entluden sich in Demonstrationen und Aufständen.

Die Doku schildert deren Protagonisten mit Sympathie, als Menschen die ihre Jugend gegen Bastistas Waffen einsetzen - bis schließlich Fidel Castro dem Mafia-Spuk 1959 ein Ende setzte. Er verstaatlichte nicht nur die Kasinos, sondern alles, was den Amerikanern auf Kuba gehörte. Um Fidel Castro wieder loszuwerden, hätten "sie alles versucht - Invasion, Anschläge, Kampagnen", sagt der Schriftsteller Enrique Cirules. Stolz schwingt mit, wenn er im Film hinzufügt: Sie haben es nicht geschafft. Er glaubt: Das letzte was die Kubaner wollten, wäre eine Rückkehr der Mafia, der Konzerne, der CIA. Die Frage ist nur, ob die sich - wenn die Castros mal nicht mehr sind - groß um die Meinung der Kubaner scheren werden.

Das Mafia-Paradies, an diesem Dienstag um 21.40 Uhr.

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