Süddeutsche Zeitung

Arte-Doku über Grönemeyer:Herbert der Herzen

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In einer neuen Arte-Doku plaudert Herbert Grönemeyer über sein Leben in jenem breiten Ruhrpott-Ton, den er nur im persönlichen Gespräch anschlägt. Für Kritisches ist da allerdings kein Platz.

Von Max Fellmann

Am schönsten ist die Geschichte mit der Ziege. Da sitzt also Deutschlands erfolgreichster Popmusiker und spricht über Anton Corbijn: enger Freund, Fotograf, großer Künstler, Regisseur vieler Grönemeyer-Videos.

Es könnte eine andächtige Lobrede werden, aber Grönemeyer erzählt, wie er für ein Video wieder und wieder eine Ziege durch die Gegend tragen musste. "Frag ich ihn, wieso trag ich hier den ganzen Tag 'ne Ziege durch die Berge? Sagt er, Zeichen der Unschuld! Sag ich, ja dufte . . ." Und Grönemeyer lacht sich kaputt.

Einer von vielen schönen Momenten in dieser 52 Minuten langen Dokumentation, die vor allem deshalb funktioniert, weil Grönemeyer sich erkennbar wohlfühlt.

Hannes Rossacher, der berühmte österreichische Videoregisseur und Dokumentarfilmer, lässt ihm sein eigenes Tempo, lässt ihn erzählen. Was ganz gut ist, denn Grönemeyer erzählt deutlich besser als der Off-Sprecher, der ab und zu Sätze sagen muss wie: "Trotz seines Erfolges ist Grönemeyer Mensch geblieben."

Grönemeyer selbst aber blickt mit einer guten Mischung aus Reflexion und Selbstironie auf die Stationen seines Lebens, denkt nach, amüsiert sich und verfällt immer wieder in diesen breiten Ruhrpott-Ton, den sonst nur Leute zu hören kriegen, die ihn mal aus der Nähe erleben. Direkter, hemdsärmeliger: Der Anekdoten-Herbert ist anders als der Bühnen-Grönemeyer.

Schon viel erlebt - bis hin zur Seekrankheit

Ihn so zu sehen ist spannend auch für Zuschauer, die mit seinen Liedern vielleicht wenig anfangen können.

Rossacher kombiniert die Geschichten mit alten Aufnahmen - der Sänger erzählt von den heftigen Dreharbeiten zu Das Boot, von Seekrankheit und kotzenden Kollegen, dazu Bilder, in denen ihm das Wasser nur so um die Ohren spritzt.

Die Doku folgt geradeaus seinem Leben

Grönemeyer erzählt vom überwältigenden Erfolg seines "Bochum"-Albums, dazu ist ein junger, schlanker Herbert zu sehen, Ausschnitte aus einem TV-Porträt von 1984. Dann wieder Grönemeyer heute, vor einer großen Leinwand, auf der er sich, extra für diesen Film, die alten Ausschnitte ansieht.

Rückblick wörtlich genommen. Grönemeyer lacht spöttisch und bescheinigt seinem jüngeren Ich "leichtfüßige Strenge".

Abgesehen von gelegentlichen Sprüngen folgt die Dokumentation geradeaus Grönemeyers Leben, von frühen Experimenten im Theater bis zu den Riesenkonzerten in deutschen Fußballstadien, dann weiter zum Drama seines Lebens, dem frühen Tod seiner Frau Anna 1998. Er spricht in starken, klaren Worten über den Schmerz, der nie verschwindet, "Das Trauern ist eine Farbe, die bleibt immer."

Rossacher wechselt in den genau richtigen Momenten zur Musik, verwendet Grönemeyer-Videos, lässt mal einen Refrain laufen, verlässt sich auf die Wirkung der Lieder.

Für Kritik am Protagonisten ist kein Platz in diesem Film

Dafür verzichtet er darauf, Kollegen oder Freunde des Stars vor die Kamera zu holen. Er bleibt nah am Menschen Herbert. Dabei könnte der Film eine zweite Ebene durchaus vertragen. Wie sehen ihn andere? Für Kritik oder offene Fragen ist kein Platz in diesem Porträt - erst ganz am Schluss kommt ein überraschender Moment: Da lacht Grönemeyer und sagt, wenn er heute so die alten Platten höre, wisse ja nur er, "was da für Geschichten nebenherliefen" und wie er "mit einem blauen Auge rausgekommen" sei.

Genau diese Geschichten würde man gern hören, aber da kommt Rossacher zum Ende. Bedauerlich. Aber Grönemeyer-Fans werden danach sofort die Alben rausholen und in den Booklets nach Hinweisen auf diese Nebenher-Geschichten suchen. Und wenn nach fast einer Stunde Film noch ein bisschen was für die Neugier bleibt - dann ist das ja auch nicht verkehrt.

Mensch. Herbert., Arte, 21.35 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 23.12.2016
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