Arte-Doku Gib Kette

Panzer-Enthusiasten wählen schweres Gerät zum Ausflug ins Grüne.

(Foto: Ralf Heinze)

Ein Film widmet sich der Geschichte und der Faszination von Panzern - echten sowie den Simulationen in PC-Spielen.

Von Joachim Käppner

Sagen wir es so mild wie möglich: In einer Zeit, in der schon eine Lucky-Luke-Comic-Sammlung als verdächtiges Symptom toxischer Männlichkeit gelten kann, tun die Herren in diesem Film dem Ruf ihres Geschlechts keinen Gefallen. In ihrer Freizeit rasen sie mit ausrangierten Panzern herum und vermitteln den Eindruck, als gebe es nichts Schöneres. Andere hocken im Keller vorm PC und vernichten in World of Tanks die Panzerarmeen des Gegners.

Das Kettenungeheuer als Freizeitvergnügen zeigt Arte in der Dokumentation Panzer. Macht. Geschichte als Kuriosum am Rande. Im Mittelpunkt steht eine Geschichte von Gewalt und Werkzeugen der Macht, jener Waffe eben, welche die Kriegführung revolutionierte. Modelle und Vorstudien hatte es bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegeben und sogar einen Science-Fiction-Roman von H. G. Wells: The Land Ironclads, was übersetzt ungefähr "die Land-Panzerschiffe" bedeutete. Es war dann Winston Churchill, damals noch britischer Marineminister, der im Ersten Weltkrieg diese Ideen aufgriff. Wenn die Panzerschiffe der Alliierten das Meer regierten: Ließe sich entlang der erstarrten Frontlinien des mörderischen Grabenkrieges nicht ähnliches bewerkstelligen?

Trotz vieler Rückschläge war der Plan ein Erfolg. 1918 setzten die Westalliierten so viele schwer gepanzerte Kettenfahrzeuge ein, dass diese die Niederlage des deutschen Kaiserreiches zumindest deutlich beschleunigten. Es gehört zu den Tragödien der Militärgeschichte, dass dieselben Mächte dann den Aufstieg Hitlerdeutschlands durch ihre Appeasementpolitik hinnahmen, bis sie 1940 mit ihrer eigenen Waffe in Frankreich schrecklich geschlagen wurden. Geballte Panzeroffensiven waren das Werkzeug des "Blitzkrieges".

Kenntnisreich gehen Almut Faass und Anja Kindler in ihrem Film der Geschichte dieser Waffe nach. Die Deutschen ihrerseits wurden Opfer einer Unterschätzung des Gegners, und zwar der Roten Armee. Die Dokumentation wirft ein Licht ins wenig bekannte Innere der Sowjetunion der Dreißigerjahre, die nicht nur vom Horror der Stalinismus geprägt war, sondern auch von einer gewaltigen Industrialisierung. Der Panzer war auch für die sowjetische Ideologie wie geschaffen, als Offensivwaffe wie als Massenprodukt von den Montagebändern. Genau an dieser Waffe scheiterte der deutsche Vernichtungskrieg Ende 1942, als schnelle Panzerverbände die 6. Armee in Stalingrad einkesselten.

Der Panzer, Symbol geballter militärischer Gewalt, wird im Film auch als Werkzeug zur Unterdrückung von Gesellschaften gezeigt, ob in Ostberlin 1953 oder in Peking 1989. Ob die Ära des Kampfpanzers freilich vor dem Ende steht, wie die Dokumentation nahelegt, mag fraglich sein. So oft ist der Panzer als Dinosaurier der Militärtechnologie bezeichnet worden; doch immer neue hochgerüstete Typen entstehen. So könnte der Panzer noch lange das bleiben, was er ist: die wichtigste Waffe in Kriegen, die hoffentlich niemals kommen werden.

Panzer. Macht. Geschichte., 20.15 Uhr, Arte.