Arte-Doku "Die Unerwartete" Wer kennt diese Frau?

Ein großes Wahlplakat der CDU in Berlin mit einer Collage der Hände von Bundeskanzlerin Angela Merkel kurz vor der Bundestagswahl 2013: Die Doku "Die Unerwartete" setzt im Wahljahr ein.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Zwei Filmemacher haben Angela Merkel drei Jahre lang für eine Doku begleitet, um die Kanzlerin zu erklären. Doch während der Dreharbeiten ist die Geschichte ihrer Deutung enteilt.

TV-Kritik von Nico Fried

Der Titel dieses Films passt in mehrfacher Hinsicht. Angela Merkel ist zunächst einmal eine Bundeskanzlerin, mit der man nicht rechnen konnte: in der DDR aufgewachsen, Frau, protestantisch, nicht gerade das Paradebeispiel des herkömmlichen Politikertypus in der CDU der Bonner Republik.

"Die Unerwartete", so haben Torsten Körner und Matthias Schmidt deshalb ihre Dokumentation über Merkel genannt, die am Dienstagabend auf Arte läuft. Wer mag, kann sich an diesem Tag die volle Dröhnung geben: vormittags Merkels Rede auf dem CDU-Parteitag, abends noch mal 90 Minuten über das Leben und Wirken der Kanzlerin. Was den Unterhaltungswert betrifft, ist am Abend mehr zu erwarten.

Der Titel beschreibt auch den Blick der Filmemacher auf Merkel. Drei Jahre haben sie an dieser Dokumentation gearbeitet, folglich begannen sie auf dem Höhepunkt ihrer Kanzlerschaft nach dem überragenden Wahlsieg 2013. Und mitten in dieser Arbeit wurden sie, wie das ganze Land, von der Flüchtlingspolitik Merkels überrascht. Die Unerwartete, Teil 2.

Körner und Schmidt haben offenkundig versucht, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie versuchen, die Merkel seit 2015 aus der Merkel vor 2015 zu erklären. Aber so richtig weit kommen sie über das Schildern nicht hinaus. Zu viel ist in diesem letzten Jahr passiert, die Geschichte ist ihrer Deutung enteilt.

Dieser Film ist gleichwohl eine ungeheure Fleißarbeit. Die Filmarchivrecherchen waren erkennbar gründlich, und allein wegen mancher Fundstücke aus Merkels ersten Jahren in der Bonner Republik hat sich das schon gelohnt.

Kundige Erklärer aus Politik, Wissenschaft und Journalismus kommen zu Wort, und nicht zuletzt Merkel selbst, ausführlich, aber auch absolut routiniert.

Der Film erzählt wenig Neues, aber er fasst gekonnt zusammen, was bisher bekannt ist. Was fehlt, sind explizite Kritiker. Selbst die Sozialdemokraten Franz Müntefering und Peer Steinbrück, ja sogar die Linke Sahra Wagenknecht, betten ihre Skepsis in ein Grundrauschen des Respekts.

Wenn die Äußerlichkeiten auch Ausdruck ihres Innenlebens sind, wäre Merkel sich treu geblieben

Der bemerkenswerteste Eindruck an diesem Film ist nicht die politische Analyse, es ist der Vergleich der schieren Erscheinung Merkel von heute mit der Merkel nach der Wende.

Die ungelenke Art, sich auszudrücken, die Stimmlage, der vorsichtig-distanzierte Blick von unten, die Gestik, der Zwiespalt zwischen Selbstkontrolle und dem Hang zur schnodderigen, oftmals dialektgefärbten Ironie - das alles ist über ein Vierteljahrhundert hinweg erstaunlich gleich geblieben. Wenn diese Äußerlichkeiten auch Ausdruck ihres Innenlebens sind, wäre sich Merkel überaus treu geblieben.

Wer ist sie eigentlich? Diese Frage stellen die Filmemacher an den Anfang. Bisweilen verfangen sie sich in Klischees, wie dem der Frau, die nach und nach alle Konkurrenten weggebissen hat - ein Klischee, das es schon lange verdient, mal aus der Perspektive der Männer erzählt zu werden, die ihr nicht gewachsen waren.

Am Ende gibt der frühere Ministerkollege Norbert Blüm eine Antwort auf die Leitfrage, die nicht verraten werden soll, aber gut zusammenfasst, was nach 90 Minuten über Merkel von Merkel bleibt.

Angela Merkel: Die Unerwartete, Arte, 20.15 Uhr; ARD, 12.12., 22.45 Uhr und MDR, 15.12., 22.35 Uhr.

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