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Arte-Doku "Die Atombombe im Vorgarten":John Wayne und die verstrahlte Wüste

Die Atombombe im Vorgarten: Der Atombomben-Entwickler Duane Hughes posiert vor der Nuklear-Rakete Nike Hercules

Der Atombomben-Entwickler Duane Hughes posiert vor der Nuklear-Rakete "Nike Hercules".

(Foto: Ilona Grundmann Filmproduction/Johannes Grossmann)

Nukleare Skurrilitäten aus dem Kalten Krieg: Arte zeigt den Dokumentarfilm "Die Atombombe im Vorgarten", der von menschlicher Leichtfertigkeit und Verblendung erzählt - und sprachlos macht.

Der Schaffner Walter Gregg aus South Carolina war gerade in seiner Garage beschäftigt, als eine Atombombe in seinen Garten fiel. Was nach dem Untergangsszenario eines Katastrophenfilms klingt, ist am 11. März 1958 wirklich passiert. Ein B47-Jet hatte die Bombe auf einem Testflug fallen gelassen, versehentlich. Der Copilot war ausgerutscht und auf den Hebel gefallen, der die Schleusen öffnete und die Bombe freigab. Das Unglück endete glimpflich: Niemand wurde getötet, der Copilot fiel nicht mit aus dem Flieger, die Familie Gregg kam mit Verletzungen davon. Der Plutoniumkern steckte nicht in der Bombe, weil sich die USA nicht im Krieg befand. So explodierte nur das TNT. Bis heute zeugen Bombenteile und ein zwölf Meter breiter Krater im Garten der Greggs von dem Vorfall.

Für seinen Dokumentarfilm Die Atombombe im Vorgarten hat der Regisseur Rudolph Herzog Geschichten wie diese gesammelt, Geschichten aus dem Kalten Krieg, die von der Hemdsärmeligkeit und von der Naivität der Atommächte erzählen. Der Film beruht auf Recherchen zu Herzogs Buch "Der verstrahlte Westernheld und anderer Irrsinn aus dem Atomzeitalter". In seiner Doku verwebt Herzog Archivmaterial, TV-Nachrichten und Propagandafilme mit Zeitzeugeninterviews, die sprachlos machen.

Die Atombombe im Vorgarten - Geschichten aus dem Kalten Krieg; "Die Atombombe im Vorgarten"

Chinesische Soldaten mit Gasmasken bei einem Atomtest.

(Foto: Ilona Grundmann Filmproduction/Johannes Grossmann)

Verstrahlter Wüstenstaub in Nevada

Nach Hiroshima und Nagasaki probten die Amerikaner weiter fleißig Atomkrieg, auch oberirdisch, zum Beispiel in der Wüste Nevadas. Nach einem der Tests zog die radioaktive Wolke in den Nationalpark Snow Canyon. Dort verstrahlte sie Sand, der ein Jahr später, 1955, von mongolischen Reiterhorden aufgewirbelt wurde. Die Dreharbeiten zu "Der Eroberer" fanden hier statt, John Wayne spielte Dschingis Kahn, indianische Komparsen die Mongolen. Ein Film, so dumm und sinnlos wie die nuklearen Tests, die die Menschen in Nevada wie Silvesterfeuerwerke bewunderten. Fast die Hälfte der Filmcrew erkrankte später an Krebs, einschließlich John Wayne.

Wer in der Nähe aufwuchs, im Reservat gegenüber vom Testgelände etwa oder auf den Bauernhöfen im Umland, trug Schäden davon. Schäden, die nicht mehr gutzumachen sind. Die Zeitzeugen lässt Herzog unter freiem Himmel Platz nehmen, auf einem Stuhl vor Canyon-Kulisse, allein und ausgeliefert. Menschen, deren Schicksal in den Augen der Mächtigen bedeutungslos war. Menschen, deren Kinder heute an Leukämie erkranken.

Das große Versprechen Atombombe

In einer Zeit, in der Schulkinder per Zeichentrickvideo lernten, wie sie sich im Ernstfall zu ducken und zu bedecken hatten, war die Atombombe ein großes Versprechen. Erdnüsse aus radioaktiver Ernte waren riesengroß. Überhaupt war alles, was mit nuklearer Technologie zu tun hatte, überdimensioniert, übermenschlich. Friedliche atomare Sprengungen sollten als kostengünstige Alternative zu konventionellen Grabungen Wasserkanäle ausheben. So sollte ein zweiter Panama-Kanal entstehen. Die amerikanische Atomenergie-Behörde muss in den 60er Jahren ziemlich verblendet gewesen sein, um ernsthaft an derlei Projekte zu glauben.

Chinesische Soldaten und Sowjets bereiteten sich derweil in elefantesken Gasmasken mit Rüsselschläuchen auf einen Atomschlag der Amerikaner vor - in der Doku untermalt von Tschaikowskis "Nussknacker". Die Musik, die Herzog unter die Propaganda-Bilder legt, zum Beispiel auch Doris Days "Tic, Tic, Tic", hat etwas Leichtes, Beschwingtes. Sie verleitet dazu, die gesammelten Atomgeschichten aus dem Kalten Krieg tatsächlich als Skurrilitäten wahrzunehmen.

Und so manches Mal kann man tatsächlich nicht anders als laut zu lachen. Es ist bei aller Dramatik lustig und kaum zu fassen, wie leichtfertig Menschen sein können. Wie oft wurde argumentiert, die Atombombe dürfe nicht in die Hände von Irren geraten? Nun, sie war es längst. Das zeigt Herzogs sehenswerter Dokumentarfilm. Dass die Menschheit bis heute überlebte, war wohl pures Glück.

Die Atombombe im Vorgarten. Geschichten aus dem Kalten Krieg, Arte, 21.55 Uhr.

© SZ.de/mkoh/leja

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