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Arte-Schwerpunkt zur Atomkraft:Strapazierte Freundschaft

The Bomb, Dokumentarfilm

Still aus Dokumentarfilm The Bomb

(Foto: Courtesy of Ken Hackman)

Seit dem Kalten Krieg war das Atom nie einfach nur ein Teilchen, sondern auch in der zivilen Nutzung stets Gegenstand von Propaganda. Arte dokumentiert den Prozess einer Entzauberung.

Von Willi Winkler

Unser Freund das Atom hieß ein Film der Disney-Fabrik aus dem Jahr 1957, der allen Zweiflern die frohe Botschaft vom Segen der Nuklearenergie verkünden sollte. Das Atom hatte zwar, das musste der gütige Erkläronkel Heinz Haber zugeben, ein-, zweimal danebengehauen, das war im Krieg irgendwo weit hinter der Türkei, aber umso strahlender sei die Zukunft, die sich mit ihm eröffne. Das Büro, der Verkehr, das Essen, die Medizin, der ganze Mensch werde besser durch den Einsatz der Radioaktivität: weniger Arbeit, mehr Freiheit, Glück ohne Ende.

Es war natürlich die US-Regierung, die dieses kernenergiepralle Märchen mitten im Kalten Krieg beim großen Volkserzieher Walt Disney in Auftrag gegeben hatte. Damals waren die Großmächte im Rüstungswettlauf damit beschäftigt, ihr Atomwaffenarsenal ständig zu erweitern und sich mit gegenseitiger Auslöschung zu bedrohen. Angst sollten aber nur die anderen haben. Selbst der marxistische Philosoph Ernst Bloch, damals noch Professor in Leipzig, schwärmte in seinem "Prinzip Hoffnung" (1959) von der "blauen Atmosphäre des Friedens", in der mithilfe von ein paar Pfund Uran sich die Sahara begrünen und "Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera verwandeln" ließen.

Die Arte-Dokumentation von Kenichi Watanabe zur Geschichte der Radioaktivität borgt sich den anmutigen Disney-Titel, geht wie Haber zur Entdeckung des Radiums durch das Ehepaar Curie zurück, vergisst aber nicht zu erwähnen, dass bei Pierre Curies Umbettung in den Invalidendom eine Strahlenwolke entwichen war und seine Frau an der Radiumverstrahlung starb. Vom Optimismus der ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts, der durch die Verwüstung von Hiroshima und Nagasaki nur kurz einzutrüben war, ist in diesem Film nichts mehr zu spüren. Optimismus galt lange Zeit in den USA wie in den sowjetisch beherrschten Staaten als patriotische Pflicht; selbst die verheerenden Atomtests, deren Folgen sogar einen robusten Volkshelden wie John Wayne einholten, wurden als nationales Erbauungsprogramm geführt. Nicht zufällig erklingt in der begleitenden Dokumentation Die Bombe der Hit der Buchanan Brothers von 1946 über die "Atomic Power". Die sei, wie in bester Banjo-Laune zusammengeschrammelt wird, ein Geschenk von "Gottes machtvoller Hand".

Sie wirkte sich nicht immer glückhaft aus, wie vor allem die japanische Besatzung des Fischerbootes Daigo Fukuryu Maru (Glücklicher Drache) erfahren musste. Angeblich war für die Wasserstoffexplosion im März 1954 am pazifischen Bikini-Atoll die Umgebung freigeräumt worden, aber der Test versengte die Fischer auf hundert kleinen Booten. Einer starb sofort, andere trugen schwere Brandverletzungen davon, wieder andere erlagen Jahre später den Strahlenfolgen. Für das Militär und die unterstützenden Wissenschaftler war die Bombe mit dem Namen "Bravo" ein Triumph: die Gewalt von tausend Hiroshima-Bomben war ein zwingender Beweis für die Überlegenheit der USA.

Diese Atomwaffentests wurden Anfang der Sechzigerjahre eingestellt, dafür entwickelte sich, wie von Disney und Haber propagiert, die sogenannte friedliche Nutzung der Kernenergie zu einer blühenden Industrie. Erst die Kernschmelze von Tschernobyl und ihre katastrophale Eindämmung trübten weltweit die Begeisterung für den lustigen kleinen Freund Atom. Wieder übernahm die Propaganda, wieder sollte verharmlost, sollten die Bürger im Unklaren gelassen werden. Das wiederholte sich, als es vor demnächst zehn Jahren im japanischen Fukushima zur Kernschmelze kam.

Der amerikanische Flugzeugträger "USS Ronald Reagan" eilte den Japanern im März 2011 zu Hilfe und geriet in die Strahlenwolke. Wie sich herausstellte, trank die Besatzung gereinigtes Meerwasser, das durch den Fukushima-Tsunami erst recht verseucht war. Die Matrosen auf dem Schiff mussten eine Erklärung unterschreiben, wonach sie mit schützenden Jodtabletten versorgt worden seien, die sie gar nicht bekommen hatten. Die Japaner an Land wurden von den zuständigen Behörden nicht besser behandelt. Das Atom sollte der gute Freund bleiben, der es noch nie war.

Leider fehlt als Abschluss des Themenabends Stanley Kubricks Satire "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben". Es gibt keinen besseren Kommentar zur ausgeleierten Freundschaft mit dem Atom als Vera Lynns Lied "We'll Meet Again", das erklingt, während die Welt sich in wunderschönen Atompilzen auflöst.

Die Bombe, Arte, 20.15 Uhr; Unser Freund, das Atom. Das Zeitalter der Radioaktivität, 21. 55 Uhr; sowie der Themenabend Atomkraft: Von Kriegen, Kraftwerken und Katastrophen, 4. August, ab 20.15 Uhr. 3sat zeigt zum Thema unter anderem am 3. August den animierten Dokumentarfilm Obon, 22.25 Uhr, und um 22.40 Uhr Hiroshima, Nagasaki - Atombombenopfer sagen aus, sowie am 4. August Als die Sonne vom Himmel fiel - Eine Spurensuche in Hiroshima, 22.25 Uhr.

© SZ/tyc

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