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ARD-Talk "Anne Will":"Donald Trump wird alles tun, was er gesagt hat"

Anne Will

Anne Will und ihre Gäste: Dieter Kempf, Ralph Freund, Günter Verheugen, Ursula von der Leyen und Michael Wolffsohn

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Ändert sich mit dem neuen US-Präsidenten die Weltordnung? Bei "Anne Will" nimmt Günter Verheugen den Milliardär beim Wort und Verteidigungsministerin von der Leyen blickt hoffnungsvoll nach China.

TV-Kritik von Maximilian Heim

Selbst der Mann, den sie zur Verteidigung von Donald Trump eingeladen haben, macht anfangs ein leicht besorgtes Gesicht. Ralph Freund ist Vizepräsident der "Republicans Overseas Germany" und klingt zu Beginn von "Anne Will" wie ein bedrückter Philosoph. Ob Amerika nun, nach Trumps harscher Antrittsrede, einen aggressiv-nationalistischen Präsidenten habe? "Im Tun liegt das Handeln, nicht im Reden" sagt Freund. Trump werde sich mit der eigenen Partei sowie mit den Senatoren und den Abgeordneten im Repräsentantenhaus arrangieren müssen.

Was Freund nicht sagt, aber sehr wahrscheinlich weiß: Trump ist nicht unbedingt Republikaner. Trump ist Trump. Auch deswegen bereitet er vielen Menschen seit Monaten Kopfzerbrechen. Etwa der deutschen Verteidigungsministerin.

Statt mit unpräzisen Gewehren oder lahmen Hubschraubern muss Ursula von der Leyen (CDU) sich seit einigen Monaten mit grundsätzlichen Fragen zur westlichen Sicherheitsstruktur befassen. Mit ernstem Blick hält sie fest: "Die Nato ist vor allem ein Wert. Freie Demokratien haben sich ihre wechselseitige Unterstützung zugesagt, falls eine von ihnen angegriffen wird. Das Vertrauen ist über fast 70 Jahre gewachsen."

Was von der Leyen nicht sagt, aber sehr wahrscheinlich weiß: Trump denkt in Dollar und amerikanischen Interessen. Trump denkt, seinen Äußerungen zufolge, nicht so sehr in alter Verbundenheit. Andererseits: Was soll man als deutsche Verteidigungsministerin gerade auch anderes sagen?

Wie der Spiegel meldet, soll die Kanzlerin in Sachen Trump die Losung "Wir warten erst mal ab" ausgegeben haben. Von der Leyen fällt immerhin noch ihr neuer Amtskollege James Mattis ein (auch wenn sie ihn versehentlich vom Vier- zum Drei-Sterne-General degradiert). Mattis habe gesagt, zitiert von der Leyen beseelt, dass keine Nation ohne Freunde sicher sei.

Woher der Frust der Amerikaner mit der Nato kommt

Deutlicher wird Michael Wolffsohn, der mehr als 30 Jahre an der Universität der Bundeswehr München gelehrt hat. Er kann die Frustration vieler US-Amerikaner über die lasche Zahlungsmoral vieler Mitglieder verstehen. "Die Nato kränkelt schon lange", sagt der Historiker - und weist etwa auf das nicht sehr freie und gar nicht demokratische Mitgliedsland Türkei hin. Wolffsohns nicht unbedingt neue, aber rhetorisch schön gebündelte Einschätzungen münden in einem anatomisch mutigen Vergleich: "Trump ist der Mund des amerikanischen Bauches." Nun werde eine in den USA lange gewachsene Skepsis gegenüber Europa zum Ausdruck gebracht.

Schöne neue Welt also: Eine nationalistisch orientierte Weltmacht USA, die Männerfreunde Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin sowie eine zerfallende Europäische Union? Günter Verheugen, der langjährige EU-Erweiterungskommissar (ein Job aus gefühlt lange vergangenen Zeiten), klingt beinahe so, als habe er sich damit abgefunden. "Trump wird alles tun, was er gesagt hat", sagt er. Und ergänzt: Das Amerika aus Trumps Reden stehe nicht für Frieden oder Freiheit oder Menschenrechte ein.

Verheugen und von der Leyen machen in dieser "Anne Will"-Sendung nicht den Eindruck, als hätten sie eine Lösung. Keine Spur einer deutschen oder gar europäischen Gegenerzählung zu Trumps griffigen wie gruseligen Nationalismen. Und auch der Wirtschaftsvertreter Dieter Kempf, frisch gewählter Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, kann zwar seine Bauchschmerzen schildern ("Trump hat globalisierte Wirtschaft nicht verstanden"). Aber was genau eigentlich mit BMW und anderen deutschen Autobauern passiert, wenn Trump Strafzölle einführt und Handelsabkommen kündigt, sagt er auch nicht.

Wieso die Verteidigungsministerin vom mächtigsten Chinesen schwärmt

So galoppiert die Runde durch die verschiedenen Politikfelder - bis Ursula von der Leyen irgendwann von der Rede des chinesischen Staatschefs beim Weltwirtschaftsforum in Davos erzählt. Für internationale Kooperation habe Xi Jinping geworben, erzählt die CDU-Politikerin. "Wir hatten das Gefühl, er hält unsere Rede." Und überhaupt: "Der Rest der Welt, jenseits der USA, steht auch nicht still."

Vor einem Jahr oder mehr wäre das natürlich eine sagenhafte Schlagzeile gewesen. Die deutsche Verteidigungsministerin droht den amerikanischen Freunden mit einer Zuwendung nach China - in einer Talkshow mit dem als rhetorische Frage getarnten Thema "Trump im Amt - Verändert das die Weltordnung?". Aber niemand in der Runde lacht oder staunt.

© SZ.de/mati
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