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ARD-Talk "Anne Will":Papa Stoiber schickt die Bundeswehr

Anne Will

Jauchs Vorgängerin und Nachfolgerin Anne Will: "Ein schönes Angebot".

(Foto: dpa)

Anne Will versucht, an den "Tatort" zum Thema verunsicherte Bevölkerung anzuknüpfen - und scheitert. So bleibt ein gefährlicher Eindruck im Raum stehen.

Wie gut, dass es den Tatort gibt. Die Kölner Episode "Wacht am Rhein", die sich mit der Stimmung im Land nach den Vorfällen in der Silvesternacht 2015/2016 beschäftigt, liefert den geeigneten Aufhänger für eine Mash-up-Sendung, in die viel reinpasst: die Silvesternacht - Angst - Sicherheit - der Fall Amri (benannt nach jenem jungen Mann, der auf einem Berliner Weihnachtsmarkt einen Lastwagen in die Menge gesteuert hatte). So könnte sich die Redaktion von Anne Will die aktuelle Sendung überlegt haben.

Wenn es im Tatort um gesellschaftliche Themen geht, greift die Moderatorin das Thema gerne auf. Es kann ja auch Sinn machen, relevante Fragen noch einmal gesondert zu diskutieren. Es kann aber auch schiefgehen: Zuletzt war das der Fall, als Will eine Schweizer Muslima aus einem radikalislamischen Verein geladen hatte, um über die Anziehungskraft des IS zu diskutieren. Und auch an diesem Sonntagabend misslingt der Versuch, nach dem Tatort ein Thema zu vertiefen.

Tatort Vielleicht ein Debattenbeitrag, aber kein guter "Tatort"
ARD-Krimi

Vielleicht ein Debattenbeitrag, aber kein guter "Tatort"

In Köln zieht eine Bürgerwehr in den bewaffneten Straßenkampf. Leider gehört "Wacht am Rhein" zu den Fällen, die inhaltlich viel wollen, filmisch jedoch wenig können.   TV-Kritik von Katharina Riehl

Am Ende des Kölner Falls, in dem eine Bürgerwehr selbst nachts auf Streife im Viertel geht, fällt die Frage: "Wenn du dich in deinem eigenen Land nicht mehr sicher fühlst, wo dann?" Allein diese Haltung, die den Hobbysheriff im Tatort sogar zu einem Mord treibt, hätte genügend Anknüpfungspunkte geboten. Aber der ARD-Krimi ist nicht mehr als der Aufhänger für die nachfolgende Will-Sendung.

Provokanter und einseitiger kann man ein Thema nicht formulieren

In der Runde sitzen keine besorgten Bürger. Stattdessen diskutieren Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), die Grünen-Vorsitzende Simone Peter, Journalistin und Filmemacherin Düzen Tekkal, der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) und der Sozialpädagoge Samy Charchira die Frage: "Bürger verunsichert - wie umgehen mit kriminellen Zuwanderern?"

Provokanter und einseitiger kann man das Thema nicht formulieren. Auf Twitter fragte mancher spöttisch, ob es demnächst auch eine Sendung mit dem Titel "Wie umgehen mit kriminellen Deutschen?" geben werde. Die Weichen sind jedenfalls gestellt.

Edmund Stoiber - scheinbar eingeladen nach der Devise: Hauptsache ein Haudegen aus der CSU - springt bereitwillig über das Stöckchen, das ihm Anne Will hinhält. "Wir brauchen natürlich mehr Sicherheit, um den Bürger zu schützen", sagt der Politiker. Der Bürger sei nämlich hochgradig verunsichert, wird er nicht müde zu betonen. Und dann liefert er den einkalkulierten Knaller. In gewohnt plakativer CSU-Manier schlägt Stoiber vor: Wenn massive Polizeieinsätze wie zuletzt an Silvester in Köln der Normalzustand in Deutschland seien, dann könne das nur mit der Bundeswehr gelingen. Eine Nummer größer geht es wohl nicht?

Sein Temperament kann der CSU-Mann kaum zügeln. Allzu oft fällt er nicht nur Anne Will, sondern auch den anderen Gästen ins Wort, redet sich in Rage, etwa über den Rechtsstaat, in dem das Vertrauen der Menschen erodiere. Irgendwann ereifert sich der CSU-Mann in einer Lautstärke und einem Sprechtempo, dass man beginnt, sich um seine Gesundheit zu sorgen.

Auf der anderen Seite der Ereiferungsskala steht Simone Peter. Noch gebeutelt von der Häme, die ihr nach ihrer vorschnellen Kritik am Kölner Polizeieinsatz entgegenschlug, scheint es, als wolle die Grünen-Vorsitzende nun alles wiedergutmachen. Sie wehrt sich gegen blinden Aktionismus im Fall Amri ("Wir müssen das erst erörtern"), gegen vorschnelle Gesetzesänderungen und Panikmache: "Wir müssen Sicherheit schaffen und nicht für Unsicherheit sorgen." Im Laufe der Diskussion lässt sie sich jedoch ähnlich schwer von der Moderatorin in Zaum halten wie Stoiber. Das will etwas heißen.

Nur einer in der Runde neutralisiert den bitteren Beigeschmack

Anne Will verliert ihr Ziel in der hitzigen Diskussion nicht aus den Augen. Immer wieder will die Moderatorin wissen, ob die verstärkte Polizeipräsenz denn jetzt der Normalzustand sei. Es wäre auch differenzierter gegangen: So hätte Will genau nach jenen verunsicherten Bürgern fragen können, die vorgeblich Grund für die verstärkte Präsenz der Behörden sind - im besten Fall wäre sogar einer dieser Menschen eingeladen gewesen. Zumindest hätte sich die Moderatorin bei den Anwesenden erkundigen müssen, ob sie diese Ängste nachvollziehen können. Sie tut es nicht und so verhakt sich die Diskussion bei der Erörterung politischer Maßnahmen: Fußfessel, Abschieberecht, Videoüberwachung. Was bleibt, ist der bittere Beigeschmack der Eingangsfrage: dass alle Zuwanderer kriminell sind.

Der Einzige in der Runde, der diesen Beigeschmack neutralisiert, ist Samy Charchira. "Hass und Gewalt sind nicht der einen oder anderen Gruppe zuzuschreiben", sagt der Sozialpädoge, der in Düsseldorf mit straffälligen Jugendlichen arbeitet. Hass und Gewalt fänden sich auch unter Deutschen. Aber das wäre ja eine ganz andere Sendung. Oder, Frau Will?

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